Legendentreffen am Nürburgring


Legenden, Leidenschaft und Lebensfreude
Ein Get-together zwischen Rennsportgeschichte, persönlichen Wegen und echter Nähe

Es ist ein Morgen im Februar, als sich im Foyer des Dorint am Nürburgring das vertraute Kribbeln einstellt. Diese besondere Mischung aus gespannter Erwartung und leise steigender Herzfrequenz, die man sonst nur draußen an der Strecke kennt, liegt auch hier in der Luft. Spätestens wenn die ersten Namen fallen – Namen aus Ergebnislisten, TV-Kommentaren und vergilbten Programmheften – wird klar: Das hier ist kein gewöhnliches Treffen. Rund 100 Motorsportbegeisterte waren zur vierten Auflage des Get-togethers gekommen. Nicht wegen einer Inszenierung, sondern wegen einer Rarität im Motorsport: echte Nähe ohne PR, Legenden ohne Absperrband, Erinnerungen ohne Verkaufsabsicht.

Dass dieses Treffen überhaupt existiert, ist eine Geschichte, die in zwei Richtungen erzählt werden muss: als Motorsport-Historie – und als persönliche Überlebensgeschichte. Rüdiger Hack aus Koblenz, heute 65, ehemaliger Porsche-Rennfahrer (1984-2001 in Serien wie Euro Trophy, Cup Suisse und GTP), Pressesprecher und Vorstandsmitglied des Automobilclubs 1927 Mayen, hatte das Format aus seiner Facebook-Community „Motorsports History“ heraus entwickelt, die er 2018 gründete und in den Jahren danach als Chronistenprojekt groß machte. Was dort digital begann, wurde am Nürburgring zu einem Raum, in dem Geschichten wieder Leben bekommen.

Stillstand, der Bewegung auslöst
Am 7. Dezember 2018 traf Rüdiger Hack das Guillain-Barré-Syndrom. Binnen Stunden folgten Lähmung, Intensivstation, künstliches Koma, Reha – ein Absturz, der einen Mann, der Bewegung gewohnt war, in die Abhängigkeit zwang. Dass ausgerechnet daraus ein Treffen wuchs, das jedes Jahr ein bisschen größer wurde, ist kein Zufall, sondern eine nüchterne Feststellung über Willen und Struktur. Die Community gab Halt, die Arbeit an der Historie gab Rhythmus – und irgendwann kam der Punkt, an dem das Virtuelle nicht mehr reichte.

Die Premiere 2023 war der erste Sprung vom Bildschirm in die Wirklichkeit. Ideengeber für das Treffen war kein geringerer als Porsche-Legende Kurt Ahrens. Und bereits im Folgejahr wurde aus der gelungenen Idee ein Format mit eigener Gravitation. Rund 70 Fans standen plötzlich im Hotel-Foyer mit ihren Idolen „zum Anfassen“ – es wurde signiert, erzählt, gelacht, erinnert. Jürgen Barth, Le-Mans-Sieger von 1977 und Porsche-Urgestein, kam dazu, ebenso Gerhard Müller und andere Weggefährten. Mit Rainer Braun bekam das Treffen endgültig eine Art Adelung. Denn er war nicht einfach ein weiterer prominenter Gast, sondern ist eine Institution, weil er Rennsport für Generationen geprägt hat – als aktiver Rennfahrer, Journalist, Streckensprecher und Motorsport-Kommentator. „Der Motorsport braucht solche Events. Es geht nicht nur um die Autos, sondern um die Geschichten dahinter“, fasste es Braun zusammen.

Spätestens 2025, beim dritten Treffen, war endgültig klar, dass Hack hier etwas geschaffen hat, das über ein bloßes Fan-Event hinausgeht. Es ist ein Ort für das, was Motorsport im Kern zusammenhält: Beziehungen und Erzählungen. Willi Kauhsen, damals 86, brachte es auf den Punkt: „Es ist sensationell, dass Rüdiger das macht – gerade nach seiner schweren Krankheit! Diese Veranstaltung ist perfekt organisiert, und es freut mich sehr, dass wir alle hier zusammenkommen können.“ Harald Grohs fügte hinzu: „Im Motorsport gibt es oft keine Zeit für tiefgehende Gespräche! Hier ist es anders: entspannt, herzlich, ohne Zeitdruck.“

Wenn Generationen ins Gespräch kommen
2026 ist das Jahr, in dem das Get-together erwachsen wirkte, ohne seine familiäre Wärme zu verlieren. Schon früh fanden sich die Legenden, Ehrengäste und treuesten Fans im Foyer ein, bevor Moderator Tom Schwede die Veranstaltung erstmalig mit einer moderierten Gesprächsrunde eröffnete. Auch namhafte Journalisten wie Uwe Mahla, Ulf Schulz und Tobias Aichele waren dabei. Außerdem Karsten Arndt vom Podcast „Alte Schule“, der das Geschehen in Bild und Ton festhielt.

Die Gästeliste las sich wie eine bewegliche Motorsport-Enzyklopädie: Kurt Ahrens, dessen Porsche-917-Momente zu den mythischen Markierungen der Ära gehören, und Jürgen Barth, der nicht nur Le Mans gewann, sondern Porsche-Kundensport wie ein Lebenswerk behandelt. Harald Grohs, der zwischen DRM, DTM und unzähligen 24-Stunden-Rennen eine ganze Fahrergeneration verkörperte. Altfrid Heger, DTM und Porsche Supercup, seit Beginn mit der Veranstaltung verbunden, und Helmut Kalenborn, „Bergkönig von Mallorca“, ebenfalls ein vertrautes Gesicht der Runde.

Neu hinzu kam mit Hans Heyer eine Figur, die selbst für Motorsportfans etwas von Legende und Kabinettstück hat – der Mann, der 1977 in Hockenheim seine berühmte „heimliche“ Formel-1-Episode schrieb. Und mit Wolfgang Land saß plötzlich ein Teamchef mit Gegenwartsanschluss im Raum: Carrera-Cup-Sieger, Langstrecken-Erfahrung, DTM-Aktivität. Auch die ehemaligen Porsche-Werksfahrer Rudi Lins aus Österreich und Manfred Schurti aus Liechtenstein hatten die weite Reise auf sich genommen. Dieses Nebeneinander ist typisch für Hacks Format: Es ist nicht nur Nostalgie, sondern ein Gespräch zwischen Zeiten.

Zwischen Rennsport, Kunst und Verantwortung
Dass ein solches Treffen nicht in Selbstbespiegelung kippt, liegt an der Art, wie Hack es kuratiert: weniger über Programm, mehr über Menschen. Nach der Talkrunde folgte der „übliche Smalltalk“, Autogramme, Fotos, signierte Bücher und Modelle – aber eben ohne die übliche Messehektik. Ein Künstler mischte sich unter die Gäste: Uli Hack – nicht verwandt mit Rüdiger Hack, aber seit Jugendtagen befreundet – bekannt für Motorsportkunst und als ehemaliger „Official Artist“ der FIA World Championship (1998-2000). Seine großformatigen Arbeiten hingen nicht als Dekoration, sondern als zweiter Erinnerungsraum: Motorsport, der nicht nur gefahren, sondern gesehen und gedeutet wird.

Und dann ist da noch eine zweite Ebene, die das Treffen seit den frühen Jahren begleitet: die Sichtbarkeit einer Krankheit, die im Alltag oft unsichtbar bleibt. Buchautorin Sabine Hansen, selbst GBS-betroffen, war 2026 erneut dabei und zeigte Porträts aus dem Projekt „Sichtbarkeit der Unsichtbaren“. Dass diese Dimension nicht als „Sozialprogramm“ wirkt, sondern organisch dazugehört, ist vielleicht die eigentliche Klasse des Formats: Es geht um Motorsport – aber es geht ebenso um Lebenswege, Brüche, Comebacks. Auf Initiative von Altfrid Heger wurde bei einer Spendenaktion für einen Kunstdruck Geld gesammelt: 635 Euro landen im „Champagner-Spendenkübel“, „passend zum BMW 635“, wie Hack später augenzwinkernd notierte. Der Erlös unterstützt Hansens neues Buchprojekt.

„Was für ein besonderer Event im Zeichen des Motorsports!“, sagte Macher Rüdiger Hack sichtlich ergriffen und bedankte sich bei den geladenen Legenden und Ehrengästen: „Eure Geschichten, eure Präsenz und eure Leidenschaft machten diese Veranstaltung wieder zu etwas ganz Besonderem. Ich sage danke und wir sehen uns 2027!“

Text: Roland Schafges / Fotos: Roland Schafges – www.myfoto24.eu, Thomas Fusler, Ann-Iren Ossenbrink, AdobeStock