ZYX Music gehört zu jenen Unternehmen, deren Geschichte man eher in Metropolen vermuten würde als in einem kleinen Ort am Südrand des Westerwalds. Und doch liegt der Sitz eines der bedeutendsten unabhängigen Musiklabels Europas ausgerechnet in Merenberg, nahe Limburg – dort, wo eine mittelalterliche Burgruine auf einem Basaltkegel über das Industriegebiet blickt. Zwischen Lagerhallen und kreativen Büros schlägt hier seit Jahrzehnten ein Herz der internationalen Musikindustrie.
Der Name ZYX Music geht auf einen besonderen Ort zurück: Zzyzx, eine winzige Siedlung zwischen Los Angeles und Las Vegas. Seit 1992 trägt das Unternehmen diesen Namen – als Reminiszenz an die USA, an Aufbruch, Neugier und musikalische Entdeckungen. Genau dorthin hatte es einst den Firmengründer Bernhard Mikulski, der 1997 verstarb und dessen Geschichte im Unternehmen weiterlebt, geführt.
Vom Kofferraum zum internationalen Label
Mikulski, kaufmännischer Angestellter aus dem Rhein-Main-Gebiet, war in den 1950er-Jahren als Vertreter der Firma Philips unterwegs. Vor allem aber war er ein leidenschaftlicher Musikliebhaber – und jemand mit einem feinen Gespür für Lücken im Markt. In einer Zeit, in der internationale Veröffentlichungen in Deutschland oft schwer erhältlich waren, importierte er Platten (LPs) aus den USA und verkaufte sie direkt an Händler – teils buchstäblich aus dem Kofferraum seines Autos. Denn Titel wie „My Baby Baby Balla Balla“, „White Bird“ oder das Album zu „The Rocky Horror Picture Show“ waren in der Zwischenzeit hierzulande begehrte Raritäten.
Mikulski arbeitete hart, sparte, übernachtete auf Campingplätzen – und baute Schritt für Schritt ein Vertriebsnetz auf. Er entwickelte das Modell weiter und verkaufte seine Firma in den frühen 1960er-Jahren an Sony. Anfang der 1970er-Jahre schied er dort aus und gründete 1971 „Pop-Import Bernhard Mikulski“, den Ursprung der heutigen Firma ZYX Music.
Der Sitz im Westerwald war dabei kein Zufall. Die Region bot Platz, die Möglichkeit zu wachsen – und die Nähe zu den geliebten Pferden, einer weiteren Leidenschaft des Gründers. Bald fuhren mehrere Vertreter für das Unternehmen durchs Land, die Kontakte reichten bis nach Amerika, England und Italien.
Ein entscheidender Schritt folgte Ende der 1970er-Jahre, als Mikulski den Katalog des legendären Jazzlabels Pablo Records übernehmen konnte – gegründet von dem einflussreichen Produzenten Norman Granz. Damit kamen Namen wie Ella Fitzgerald, Oscar Peterson oder das Modern Jazz Quartet ins Programm der damals noch kleinen Musikfirma.
Das Unternehmen wuchs rasant. Aus dem Importeur wurde ein internationales Independent-Label mit einem Repertoire, das Pop, Disco, Jazz, Rock und Klassik umfasste. Zeitweise beschäftigte die Firma rund 230 Mitarbeiter in Deutschland sowie bis zu 50 Mitarbeiter in weiteren Niederlassungen in den USA, Großbritannien, der Schweiz, Österreich, den Benelux-Ländern und Polen.
Die Geburt des Italo Disco
1983 prägte Bernhard Mikulski einen Begriff, der Musikgeschichte schreiben sollte: Italo Disco. Der neue, elektronische Dance-Sound aus Italien hatte ihn fasziniert – und er erkannte dessen Potenzial. Im selben Jahr erschien der erste Sampler „The Best of Italo Disco Vol. 1“. Es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte, die ZYX weltweit bekannt machte.
Ein Schlüsselmoment war die Übernahme großer Teile des Katalogs von Discomagic Records, gegründet von Severo Lombardoni. Die rund 5.000 Titel wurden schließlich Teil von ZYX, darunter der Welthit „Dolce Vita“ von Ryan Paris. Nicht zuletzt dieser Schritt machte ZYX zu DEM Italo-Disco-Label.
Christa Mikulski – das Rückgrat des Unternehmens
Die Frau des Gründers, Christa Mikulski, war von Anfang an nicht nur an der Seite ihres Mannes, sondern mittendrin dabei, an allem beteiligt, in allem engagiert – also Bernhard Mikulski im Verkauf und als A&R, als Manager; Ehefrau Christa war zuständig für Buchhaltung, Organisation sowie Vertrags- und Rechtsfragen – als rechte Hand. „Man muss das lieben, was man macht“, sagt sie rückblickend. „Und man braucht ein Händchen für Musik und Künstler.“
1997, nach dem Tod ihres Mannes, übernahm Christa Mikulski die alleinige Leitung der Firma. Die Branche befand sich in einem jahrzehntelangen Umbruch, der sich beschleunigte: Denn zunächst wurden die vielen kleinen Fachhändler von großen Ketten verdrängt. Karstadt, Media Markt, Saturn und Co. gaben jetzt den Ton an, danach brachen erst LP-Verkäufe weg, am Ende auch CDs. Und schließlich transformierte sich das Musikgeschäft in den digitalen Raum. Streaming löste die physischen Vertriebsmodelle weitgehend ab, brachte allerdings auf den einzelnen gehörten Titel bezogen viel weniger Umsatz als die Tonträger der vorherigen Dekaden.
„Man kann den Erfolg nicht planen, man muss einfach mal machen“, sagt Christa Mikulski heute. „Von 100 Platten ist vielleicht nur eine erfolgreich. Wir haben immer darauf geachtet, was der Geschmack der Menschen ist.“
Von Merenberg in die ganze Welt
Ein Besuch in der Firmenzentrale macht die große Geschichte von ZYX greifbar. Durch die Hallen führen lange Gänge voller CDs, DVDs und Vinyls. Bis Ende der 1990er-Jahre wurde hier rund um die Uhr gepresst – im eigenen Presswerk. Heute ist Vinyl interessanterweise wieder gefragt, das Retro-Geschäft boomt, während CDs zunehmend an Bedeutung verlieren. An den Wänden hängen zahlreiche Silber-, Gold-, Platin-Auszeichnungen für Hunderttausende verkaufte Exemplare. Und in den hauseigenen Tonstudios wird weiter produziert – immer mit Blick auf den nächsten Hit.
Geführt wird der Rundgang von Tina Merkel, einer der beiden Assistentinnen der Geschäftsleitung, und bereits ZYX-Mitarbeiterin der nächsten Generation. Denn viele Mitarbeiter sind seit Jahrzehnten im Unternehmen, teils seit den Anfangstagen. So wie Inge Hedhli, die seit über 40 Jahren für Lizenzen zuständig ist. Sie erinnert sich noch an tausende Einzel-Abrechnungen auf Papier, den Commodore C64, an handgeschriebene Listen für Jukebox-Titel. „Learning by Doing“ sei damals Alltag gewesen. Und auch heute noch gehe es darum, gemeinsam Neues auszuprobieren, sich immer wieder den Veränderungen in der Branche zu stellen – Hand in Hand. „Wir sind ein tolles Team“, bestätigt auch die langjährige Mitarbeiterin Kerstin Blank.
Nach einem besonderen Highlight gefragt, erzählt ihre Kollegin Sabine Hanke begeistert von einem „Privatkonzert“ der Boygroup Caught in the Act an der Laderampe von ZYX. Das sei für sie unvergesslich geblieben – mit kreischenden Fans aus der Region, die ihr Glück kaum fassen konnten, einmal den Idolen so nah zu sein. Da verwundert es nicht, dass Chefassistentin Natalie Stähler ebenfalls schwärmt: „Die Arbeit macht mir sehr viel Freude – das gilt nach über 30 Jahren immer noch.“
Eng verbunden mit dem Label ist auch Linda Jo Rizzo, selbst Italo-Disco-Künstlerin seit den 1980er-Jahren und heute ebenso Assistant A&R für Jazz, Blues und Italo Disco, außerdem Ansprechpartnerin für internationale Anfragen: Sie arbeitet mit Partnern in Amerika, England und Australien zusammen – und schätzt an ihrer Chefin Christa Mikulski vor allem eines: „50 Jahre im Geschäft, Bauchgefühl für Musik – das ist unglaublich. Volle Power von morgens bis abends.“ Nicht nur als Musikmanagerin freut sie sich über das starke Comeback des Italo Disco in den letzten Jahren: Vinylverkäufe überholen teils die CD-Verkäufe innerhalb dieser Sparte, die Fans kommen generationsübergreifend zu Konzerten.
Blick nach vorn
Christa Mikulski weiß um die Verantwortung des besonderen Lebenswerks. „Ich versuche, das Beste aus der Firma zu machen, um sie eines Tages weiterzugeben“, sagt sie. Musik sieht sie als Branche, die Positives vereint: „Die Musikbranche ist eine gute Industrie, sie bringt Menschen Freude. Und innerhalb der Branche gibt es zwar auch Wettbewerb, aber man hilft sich untereinander.“ In diesem Geist arbeite sie jeden Tag.
ZYX Music, ein unabhängiges Label mit Kultstatus, schreibt so vielleicht auch in Zukunft weiter Geschichte – im Westerwald und darüber hinaus. Denn zwischen Burgruine und Industriegebiet, zwischen Italo Disco, Jazz und neuen digitalen Wegen gilt nach wie vor der Grundsatz von Christa Mikulski und ihrem Ehemann Bernhard: „Es geht immer zuerst um die Musik.“
KONTAKT
www.zyx.de
Instagram: @zyxmusic