Filmkomponist Matthias Frey


„Ja klar, mach ich!“

Filmkomponist Matthias Frey denkt nicht in Grenzen, sondern in Möglichkeiten

Eine Verfolgungsszene auf der Leinwand: Ein Wissenschaftler wird in einem Kaufhaus voller Kunden von bewaffneten Männern verfolgt. Eigentlich schreit alles nach schneller, nervöser Musik. Doch es bleibt ruhig. Entstanden ist so ein vermeintlicher Widerspruch zwischen dem, was man sieht, und dem, was man hört. „Genau dieser Widerspruch hat die Szene aber noch viel spannender gemacht“, erklärt Filmkomponist Matthias Frey.

Vom Klaviermuffel zum Autodidakten
Dass er einmal Komponist werden würde, hätte der heute 70-Jährige, der in dem kleinen, beschaulichen Ortsteil Bärbach von Schönborn im Rhein-Lahn-Kreis lebt, niemals gedacht. Damals mag er weder Noten noch das Klavier oder irgendein anderes Instrument.

Mit neun Jahren bekommt der gebürtige Wiesbadener Klavierunterricht. „Meine Eltern waren der Meinung, dass ich doch irgendetwas Musisches machen müsste.“ Die Freude hält sich in Grenzen. Die grummelige und strenge Lehrerin, die öde Unterrichtssituation, der hohe Klavierhocker – all das empfindet er als lästig und macht ihm keinen Spaß. „Nach knapp einem Jahr war endlich Schluss“, erinnert er sich. Das Klavier allerdings bleibt und wird in den Hauswirtschaftsraum verbannt.

Seine Begeisterung für das Instrument kommt erst später – und auf anderem Weg als gedacht. Weil er plötzlich und unerwartet eine Welt entdeckt, die zu seinem Lebensinhalt wird. Als er elf Jahre alt ist, schleicht sich Frey heimlich in den Raum. „Ich habe Pianisten im Fernsehen gesehen und fand beeindruckend, was sie da tun und was mit diesem Instrument alles möglich ist.“ Er setzt sich an das verstaubte Klavier. Niemand sitzt daneben und kontrolliert, ob die Finger die richtigen Tasten treffen. Niemand fragt nach Fortschritten. Niemand bewertet. Und diesmal ist es etwas völlig anderes. Er spielt, probiert aus, macht Fehler, findet eigene Lösungen. Das Klavier wird für ihn zu einem Spielplatz. Und zum kreativen Ursprung für sein unbeschwertes „Ja klar, mach ich.“

Zufälle werden zu Chancen
Mit zwölf gründet er seine erste Band, die Blind Devils. Nach dem ersten Auftritt ist die Geschichte jedoch schon wieder vorbei. Im Publikum aber haben ältere Musiker den jungen Pianisten bemerkt und wollen, dass er in ihrer Band mitspielt. Frey sagt zu. Obwohl er noch gar nicht alles beherrscht, was dafür eigentlich nötig wäre. „Ich konnte noch nicht mal Noten lesen“, erzählt er und lacht.

Es ist ein Muster, das sich in seinem Leben immer wiederholen wird. Frey sagt nie: „Das kann ich nicht.“ Er sagt: „Ja klar, mach ich.“ Noch heute ist er selbst darüber überrascht. „Ich hatte gar keine Angst zu scheitern oder mich zu blamieren“, erzählt er schmunzelnd. „Irgendwie hat das alles immer funktioniert.“

Frey ist häufig der Jüngste. Die anderen Musiker sind deutlich älter, erfahrener und professioneller. Aber er bringt etwas mit, das sich schwer unterrichten lässt: Neugier und eigene Ideen. Mit Anfang 20 erscheint seine erste Schallplatte mit eigenen Jazz-Kompositionen. 1979 gewinnt er beim Jazzfestival im spanischen San Sebastián den ersten Preis in der Kategorie „Bester Solist“. Auftritte bei zahlreichen Jazz-Festivals und eigenen Konzerten folgen, ebenso wie zwei weitere LPs.

Mit einer Platte zum Film
Eine dieser Platten öffnet ihm schließlich die Tür zum Film. Seine damalige Plattenfirma schickt Promo-Exemplare der neuen LP an die Musikarchive von Fernsehanstalten. „In den 80er Jahren war das so üblich“, erläutert Frey. „Ein Redakteur oder Produzent ging in Tonträgerarchive, um passende Filmmusik zu finden oder sich inspirieren zu lassen. Er blätterte durch Kataloge, ließ sich Aufnahmen empfehlen und hörte in verschiedene Platten rein.“ So wurden 1982 die Produzenten des Spielfilms „Assunta“ auf den damals 26-Jährigen aufmerksam und Frey erhielt seinen ersten Auftrag als Filmkomponist. Seitdem schreibt er Musik für den Tatort, Terra X und zahlreiche Dokumentar- und Spielfilme.

Für den Film „Warten ist der Tod“ wird er 2000 mehrfach ausgezeichnet und in der Kategorie „Beste Musik“ für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. 2007 folgt die Emmy-Nominierung für den Spielfilm „Die Mauer – Berlin 61“.

Wenn Details inspirieren
Für Frey bedeutet die Komposition von Filmmusik, genau hinzuschauen. Nicht nur auf die Handlung und auf das Offensichtliche. Er schaut sich Szenen wieder und wieder an und sucht nach Details: einen Blick, eine kleine Bewegung, eine Veränderung in der Mimik, einen Moment des Zögerns.

„Man muss nicht jede Verfolgungsjagd mit hektischen Streichern kommentieren und nicht jede traurige Szene braucht automatisch Moll“, erklärt er. „Manchmal ist gerade das Gegenteil viel interessanter.“ Natürlich gibt es Vorgaben. Aber innerhalb dieses Rahmens entsteht etwas sehr Persönliches. Frey bringt seine eigene Wahrnehmung mit hinein. Seine Gefühle. Seine Interpretation. Das macht Filmmusik für ihn zu einem Dialog: Der Film erzählt etwas – und er antwortet darauf.

Zuhören statt Reden
Instrumentale Musik ist für ihn Kommunikation. „Musik kann etwas ausdrücken, bevor es überhaupt Worte dafür gibt“, beschreibt er. „Sie kann nicht nur Stimmungen transportieren, sondern Beziehungen sichtbar machen und auf andere reagieren. Und sie kann Menschen miteinander verbinden, die vielleicht nicht dieselbe Sprache sprechen.“ Er nennt das „Commusication“. Aus diesem Gedanken hat er ein Experiment gemacht. Zwei Musiker treffen auf einer Bühne aufeinander. Ein schwarzer Vorhang trennt sie voneinander. Sie kennen sich nicht und wissen nicht, wer und welches Instrument ihnen auf der anderen Seite begegnen wird. Dann erklingt der erste Ton.

Und plötzlich passiert das, was Frey mit „musikalischer Kommunikation“ meint. Einer spielt. Der andere hört zu – und reagiert. Ein Dialog entsteht. Die Musiker lassen sich auf ihr Gegenüber ein, nehmen die Gedanken des anderen wahr und interpretieren sie. Dabei gibt es keine Erwartungen. Kein Blick, der verrät, was der andere denkt. Kein äußerliches Urteil. Nur der Klang.

Neue Ideen, ungewöhnliche Orte
Wer Matthias Frey begegnet, bekommt den Eindruck, dass er sich ausschließlich mit Musik beschäftigt. Das ist auch so. Doch er sitzt längst nicht mehr nur am Klavier. Er entwickelt auch Ideen für musikalische Events. Diese dürfen sowohl innovativ sein als auch an ungewöhnlichen Orten umgesetzt werden. So entstehen nationale Projekte wie „WoodVibrations“, „Weltklang-Festival“ oder „Unter freiem Himmel“ auf der Loreley ebenso wie internationale Projekte in der Sahara, in Kairo oder in Taipeh. Frey schafft Situationen, in denen Menschen, Künstler und Musik auf neue Weise miteinander in Kontakt kommen. Es entstehen Orte, an denen verschiedene Einflüsse zusammenkommen und an denen Musik auf verschiedenen Ebenen erlebbar wird.

Frey arbeitet bereits an einer neuen Idee. Eine „Brücke aus Musik“ über dem Rhein. Zwei Gruppen von Musikern. Die eine Gruppe auf der Loreley, die andere auf der gegenüberliegenden Seite bei Maria Ruh. „Rund 700 Meter liegen zwischen den beiden Punkten“, erklärt er. „Und dennoch spielen sie gemeinsam eine Komposition. Akustisch ist das durch die Zeitverzögerung über diese große Distanz schwierig. Zwei Sekunden dauert es, bis der Ton von der einen Seite auf der anderen ankommt. Mit technischer Unterstützung ließe es sich jedoch realisieren, dass beide Gruppen zeitgleich miteinander musizieren und damit eine Brücke über den Rhein schlagen.“

Was ohne Druck möglich ist
Bei allem, was Frey angetrieben hat, ist er vor allem eines geblieben – entspannt. Es ging nicht immer um sofortigen Erfolg, sondern eher um die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen von dem, was sich entwickelt. Ohne Zwang. Ohne Druck. Das war schon bei seinem Klavierspiel so. Er bekam Unterricht, mochte ihn nicht – und entdeckte die Musik später neu. Es war bei seinen Bands so. Er wurde gefragt, obwohl er noch nicht alles konnte. Es war bei der Filmmusik so.

Seine Musik wurde entdeckt, obwohl er nicht auf der Suche nach dieser Karriere war. Und es ist bei seinen heutigen Projekten so. Eine Idee entsteht, eine Möglichkeit tut sich auf – und Frey schaut, was daraus werden kann. Ohne im Vorfeld zu wissen, wie und ob es funktioniert. Man braucht nicht immer große Pläne und konkrete Ziele. Manchmal reicht auch einfach ein „Ja klar, mach ich.“ und das Vertrauen in die eigene Kreativität.

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Text: Jasmin Rumpf / Fotos: Matthias Frey/Künstler