Es gibt Comedians, die erzählen Witze. Und es gibt Comedians, die erzählen wahre Geschichten. Roberto Capitoni gehört zur zweiten Kategorie. Wer den italienischen Schwaben auf der Bühne erlebt, merkt schnell: Das ist niemand, der bloß unterhalten will. Der 64-Jährige spielt keine einstudierte Rolle, sondern erzählt Anekdoten aus seinem eigenen Leben – in dem er mal der Gewinner und mal der Verlierer ist. Seit mehr als 40 Jahren nimmt er sein Publikum mit auf eine Reise voller Selbstironie, in der sich jeder ein Stück weit wiedererkennt.
Zwischen Pasta und Kässpätzle
Roberto ist im Allgäu aufgewachsen – sein Vater ist Italiener, seine Mutter Schwäbin. Genau dieser Kontrast zwischen italienischem Temperament und schwäbischer Bodenständigkeit liefert ihm bis heute Stoff für seine Programme. Er spielt bewusst mit Klischees. „Ich bin zwischen Pasta und Kässpätzle aufgewachsen“, sagt er augenzwinkernd. „Das sagt doch schon alles.“
Auf der Bühne sind Robertos südländische Wurzeln nicht zu leugnen. Voller Energie, wild gestikulierend und mit einem verschmitzten Lächeln, berichtet er von seinen Beobachtungen. Dabei ist er nie wirklich allein. Der temperamentvolle Vater, der geizige, schwäbische Nachbar oder der impulsive Onkel Luigi mit der Ausstrahlung eines Mafioso begleiten den Comedian seit Jahrzehnten. Manche verselbstständigen sich sogar. „Ich hatte bei einem Auftritt mal einen absoluten Blackout“, erinnert er sich und lacht. „Da tauchte plötzlich Onkel Luigi auf, sprach mich auf den Texthänger an und machte sich lustig über mich.“
Keine Situation könnte seinen Humor besser beschreiben, denn Roberto parodiert vor allem sich. „Mir ist wichtig, mich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Wenn ich über mich selbst lachen kann, darf ich auch andere mal auf die Schippe nehmen.“
Viele seiner Geschichten hat der gebürtige Isnyer, der heute in Lahnstein wohnt, selbst erlebt. Natürlich wird überzeichnet, verdichtet und dramaturgisch zugespitzt – aber der Kern bleibt fast immer wahr. „Authentizität ist für mich ein elementarer Bestandteil“, erläutert er. „Man merkt sofort, wenn etwas nicht so richtig zusammenpasst.“ Vermutlich wirken seine Programme gerade deshalb so nahbar. Roberto erzählt vom Alltag und Familienleben, von Missgeschicken und dem Älterwerden. „Ich bin nicht anders als mein Publikum“, sagt er. „Ich bin einer von ihnen.“
Vom Punk-Schlagzeuger zur Comedy
Dass Roberto überhaupt Comedian wurde, war Zufall. Er spielte in einer Punkrock-Band Schlagzeug und gehörte zu jenen rebellischen Jugendlichen der 80er Jahre, die Häuser besetzten und nicht so recht wussten, wo ihr Weg sie hinführen würde. „Nach der Schule hatte ich verschiedene Jobs und eigentlich wollte ich ein erfolgreicher Punk-Musiker werden“, erinnert er sich schmunzelnd. Doch es kam anders.
Bei einem Konzert lernte er eine Pantomime-Künstlerin kennen, die sich zu ihrem Geburtstag wünschte, dass Roberto mit auf die Bühne kommt. „Klar, warum nicht“, dachte sich der damals 19-Jährige. Gemeinsam entwickelten sie eine kleine Nummer – eine Mischung aus Slapstick, Pantomime und Improvisation. Das Publikum war begeistert und Roberto war klar: „Es macht mir Spaß, wenn ich Menschen zum Lachen bringe.“
Aus einer Nummer wurden mehrere. Es folgten erste Soloauftritte auf Kleinkunstbühnen wie etwa dem „Sprungbrett“, wo er als „Elektro-Man“ bekannt wurde. Er lernte viele Künstler kennen, die später die deutsche Comedy prägen sollten – darunter Hape Kerkeling, Hella von Sinnen oder Gerd Knebel. Parallel dazu war er Teil der Kult-Comedy-Gruppe „Die Niegelungen“, mit der er bundesweit auftrat. Bald wurde das Fernsehen auf ihn aufmerksam und es folgte der Umzug nach Köln. „Wenn ich damals diese Frau nicht getroffen hätte“, sagt er nachdenklich, „wer weiß, wie mein Leben verlaufen wäre.“
Fernsehen ersetzt nicht den Applaus
Sein Arbeitsplatz war immer zwischen Bühne und Fernsehen. Über viele Jahre war er regelmäßig in bekannten Comedy- und Unterhaltungssendungen zu sehen. Neben seinen eigenen Programmen und den Niegelungen spielte er Sketche in der „Wochenshow“, moderierte „Nightwash“ und den „Quatsch Comedy Club“. Doch seine Leidenschaft bleibt bis heute die Bühne. Besonders eng verbunden ist er mit dem Café Hahn in Koblenz, das für viele Comedians als legendärer Auftrittsort gilt. Dort veranstaltet er seit rund 25 Jahren seine eigene Comedy-Reihe und holt regelmäßig bekannte Kolleginnen und Kollegen auf die Bühne. Viele von ihnen kennt er noch aus den gemeinsamen Anfangsjahren.
Die unmittelbare Nähe zum Publikum schätzt er bis heute mehr als Reichweite, Auftritte in Stadien oder große Fernsehkarrieren. „Live ist das ehrlichste Geschäft“, betont er. „Die Leute lachen – oder eben nicht.“ Dabei gleicht kaum ein Abend dem anderen. Improvisation gehört für ihn genauso selbstverständlich zu einem Auftritt wie ein sorgfältig geschriebenes Programm. Diese Unvorhersehbarkeit reizt ihn bis heute. Er reagiert auf sein Publikum, verändert Reihenfolgen oder entwickelt spontane Dialoge. Genau diese Flexibilität unterscheidet für ihn die Bühne vom Fernsehen.
Es geht auch ohne Social Media
Roberto gehört zu einer Generation von Comedians, die den deutschsprachigen Comedy-Begriff mitgeprägt haben. Zahlreiche Comedy-Preise hat er im Laufe der Jahre erhalten und ist dennoch immer bescheiden geblieben.
Die Veränderungen der deutschen Comedyszene hat er mit Interesse verfolgt. „Viele Programme leben heute von Tempo und Social Media“, erläutert er. „Für mich ist das nichts.“ Er hat sich von den Trends oder der Vorstellung anderer nie mitreißen lassen, sondern ist immer seinen eigenen Weg gegangen. Das passt zu seiner Punk-Vergangenheit.
Kein Ende in Sicht
Inzwischen hat Roberto die Sechzig überschritten. Ans Aufhören denkt er jedoch nicht. Dafür klingt seine Begeisterung noch viel zu groß. „Solange ich Spaß auf der Bühne habe, mache ich weiter.“ Das Älterwerden ist längst Teil seiner Programme geworden – ebenso wie Gedanken über die Vergänglichkeit. „Man weiß nie, wie viel Zeit einem noch bleibt“, sagt er und klingt dabei keineswegs schwermütig. Im Gegenteil. „Lachen ist nicht nur Unterhaltung. Es ist gesund, nimmt dem Alltag seine Schwere und erinnert daran, die schönen Momente bewusst zu erleben.“ So möchte Roberto seinem Publikum vor allem eines mitgeben: „Macht das, was ihr machen wollt – jetzt.“
Für die Zukunft hat er ein ganz besonderes Ziel: sein 50-jähriges Bühnenjubiläum. Schon jetzt arbeitet er an seinem nächsten Programm. Parallel dazu entsteht ein neuer Roman – nach bereits zwei veröffentlichten Büchern. Dass ihm jemals die Ideen ausgehen könnten, ist mehr als unwahrscheinlich. „Das Leben liefert ständig neues Material.“
Vielleicht ist genau das das Geheimnis seines Humors. Roberto sucht nicht die Pointe. Er findet sie dort, wo das Leben sie jeden Tag schreibt – irgendwo zwischen italienischem Temperament, schwäbischer Gelassenheit und einem Onkel namens Luigi, der ihm auf die Sprünge hilft, wenn er nicht mehr weiterweiß.
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