Künstlerin Xenia Graf Fischer


Das Leuchten hinter den Farben

Mit Mut, Farbe und viel Leidenschaft geht Künstlerin Xenia Graf ihren ganz eigenen Weg

Manchmal beginnt eine Geschichte nicht mit einem großen Traum, sondern mit einem Satz: „Das kann ich auch!“ Xenia Graf sagt ihn heute mit einem Lächeln. Vor gut zehn Jahren stand sie in einer Kunstgalerie vor einem Gemälde mit Stieren. 2800 Euro sollte es kosten – viel zu viel für die junge Frau, die gerade dabei war, sich mit ihrem Mann eine erste gemeinsame Wohnung einzurichten. Also ging sie nach Hause, kaufte eine Leinwand und malte das Bild selbst. Nicht als Kopie, sondern aus dem Kopf heraus. Nur das Motiv blieb. Der Rest war ihre eigene Handschrift.

Heute hängt ihre Kunst in Wohnungen, Unternehmen und sogar in einem Hotel. Sie gibt Malkurse, übernimmt Auftragsarbeiten und hat mit ihren besonderen Ultraschallbildern hunderten Familien bleibende Erinnerungen geschenkt. Dass dies alles einmal aus einem spontanen Gedanken entstehen würde, hätte sie damals selbst nicht geglaubt.

Besuch bei der Künstlerin
Wer Xenia Graf besucht, merkt schnell, dass Farben in ihrem Leben keine Nebensache sind. Sie begegnen einem auf Leinwänden, in kleinen Details des Hauses und vor allem in ihrer Art zu erzählen. Die 37-Jährige spricht begeistert, springt von einer Idee zur nächsten, lacht viel und schwärmt immer wieder davon, was sie noch alles ausprobieren möchte, was sie künstlerisch reizt. „Kreativität sucht sich ihren eigenen Weg“, sagt sie.

Aufgewachsen ist sie im Westerwald, heute lebt sie mit ihrem Mann Christian – ihrem wichtigsten Unterstützer – und ihren beiden Kindern in Kettig bei Koblenz. Hauptberuflich arbeitet sie als Beamtin im sozialen Bereich – ein Beruf, der Struktur verlangt. Die Malerei ist für sie das Gegenteil davon. Dort gibt es keinen festen Ablauf, keinen Plan, keine Vorschrift.

„Man lässt sich fallen, verliert sich total in einem Bild. Raum und Zeit um einen herum sind ausgeblendet.“ Besonders häufig passiert das nachts, wenn die Kinder schlafen und das Haus still wird. Dann entstehen viele ihrer Bilder – in diesen Stunden, in denen sie ganz bei sich sein kann. Dabei war Kunst eigentlich schon immer da.

Als kleines Mädchen zeichnete sie die Dekorationsfiguren ihrer Großmutter ab. In der Schule malte sie so gerne, dass sie manchmal sogar Bilder für ihre Mitschüler anfertigte. Ein Kunstlehrer blieb ihr bis heute besonders in Erinnerung. Er erzählte nicht nur von Maltechniken, sondern von den Geschichten hinter den Bildern. Durch ihn lernte sie Claude Monet kennen und dessen berühmte Seerosen.

Vielleicht erklärt genau das, warum sie sich heute zwar von den alten Meistern inspirieren lässt, dabei ihre eigene künstlerische Perspektive aber nie aus dem Blick verliert. Ihr eigener Seerosenteich zeigt keine stille Landschaft wie bei Monet. Zwischen den Wasserpflanzen taucht eine Frau auf, eine Schwimmerin mitten im See. Vergangenheit und Gegenwart begegnen sich auf einer Leinwand.

Nach den ersten autodidaktischen Jahren besuchte sie zahlreiche Kurse bei bekannten Künstlerinnen und Künstlern. Neue Techniken, neue Materialien, neue Ideen – Stillstand scheint für sie keine Option zu sein: „Ich arbeite ständig an mir.“

Dass sie heute als Kursleiterin für „ArtNight“ Menschen an die Malerei heranführt, hätte sie damals wohl kaum erwartet: Im Koblenzer sander Hotel entstehen unter ihrer Anleitung Bilder von Menschen, die oft zunächst behaupten, überhaupt nicht malen zu können – und dann vom Gegenteil überzeugt werden.

Sich ein Herz fassen
Den größten Schritt ihrer eigenen Laufbahn wagte sie allerdings mit einer Portion Mut. Als sie mit ihrem Mann 2025 kurz nach der Eröffnung das Frames Hotel in Mülheim-Kärlich besuchte, fielen ihr sofort die noch leeren Wände auf. Und während andere wahrscheinlich einfach weitergegessen hätten, begann sie innerlich bereits, Bilder zu entwerfen. Farben, Formen, Größen – alles war plötzlich da. Sie sprach die Verantwortlichen an, durfte ein Konzept entwickeln, überzeugte damit und erhielt schließlich den Auftrag, das Hotel mit 29 eigenen Werken auszustatten. Ein Großauftrag, ein lang gehegter Wunsch. Sie selbst sagt im Rückblick dazu, man müsse „sich ein Herz fassen“ und einfach machen. „Ich konnte mich dem Projekt ganz hingeben, kreativ sein und meine Gefühle auf die Leinwand bringen.“

Diese besondere Zeit empfand sie deshalb als „eher entspannt“. Und sie freut sich natürlich darüber, dass ihre Kunst inzwischen gesehen wird, dass Menschen vor ihren Leinwänden stehen bleiben und sich inspirieren lassen.

Durch Projekte wie dieses konnte sie auch mit ihrer Kunst Geld verdienen. „Reich werden junge Künstler natürlich erstmal nicht“, lacht Xenia Graf. Wichtiger sei gewesen, dass ihre Bilder ihren Platz in der Welt gefunden hätten.

Das Geld investierte die junge Familie nicht in Luxus, sondern in ihren Garten. Dort plätschert heute ein kleiner Brunnen zwischen Rosen – ein Ort, an dem sie zur Ruhe kommt und an dem ihre Kinder spielen. Vielleicht passt genau das zu ihrer künstlerischen Arbeit: Sie muss nicht laut sein. Sie soll Freude schenken, den Alltag ein wenig heller machen und Menschen berühren.

„Einfach mal eine Leinwand für 50 Euro kaufen, war nicht immer möglich“, erzählt sie. Umso mehr genieße sie heute die Freiheit, neue Ideen auszuprobieren und ihrer Kunst Raum zu geben. Diese Haltung erklärt auch eines ihrer ungewöhnlichsten Projekte. 2016 erwartete ihr Zwillingsbruder sein erstes Kind. Sie wollte kein Geld schenken, kein Spielzeug und keinen Gutschein, sondern etwas Persönliches – etwas mit ihrer ganz eigenen Handschrift. Also malte sie das Ultraschallbild spontan nach. „Auf die Idee kommt es an“, sagt sie stolz.

Aus dieser einen Idee entstand etwas, das heute deutschlandweit nahezu einzigartig ist. Inzwischen hat sie weit mehr als 200 Ultraschallbilder in farbenfrohe Gemälde verwandelt. Aus nüchternen Schwarz-Weiß-Aufnahmen werden außergewöhnliche Erinnerungsstücke, jedes einzelne ein Unikat. Den Preis hält sie bewusst niedrig. Nicht möglichst viel zu verdienen sei ihr wichtig, sondern möglichst vielen Familien diese besondere Erinnerung zugänglich zu machen.

Die Sprache der Farben
Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass eines ihrer Lieblingsbilder im eigenen Haus geblieben ist. Es trägt den Titel „Aurora“. Kräftige Rosa- und Violetttöne erinnern an das Nordlicht Aurora Borealis – allerdings nicht naturgetreu, sondern so, wie Xenia Graf es empfindet. Nicht das wissenschaftlich Erklärbare interessiert sie hier, sondern das Gefühl, das ein Bild hinterlässt.

„Es sind die Farben“, sagt sie. Für sie besitzen Farben eine Kraft, die sich nur schwer in Worte fassen lässt. Sie seien oft schon in uns, „bevor wir sie bewusst wahrnehmen“. Sie könnten beruhigen, Hoffnung schenken, Kraft geben und Menschen miteinander verbinden. Vielleicht brauche jeder hin und wieder auch „eine rosarote Brille“, erklärt Graf schmunzelnd.

Diese Zuversicht zieht sich durch ihr ganzes Schaffen. Alte Meister wie Monet dienen ihr als Inspiration, doch jedes Bild trägt ihre unverkennbare Handschrift. Sie malt nicht, um Wirklichkeit möglichst exakt abzubilden. Sie malt, um Gefühle sichtbar, Emotionen greif- und verstehbar zu machen. Dabei fühlt sie sich längst nicht am Ziel. „Zwei Werke brennen seit vier Monaten in meinem Kopf, und ich finde einfach keine Zeit, sie umzusetzen.“

Natürlich fordert auch die Familie ihren Platz ein. Als sie von ihren Kindern erzählt, beginnt sie zu strahlen. „Meine Kinder sind auch Inspiration.“ Und dann zieht sie einen kleinen Kalenderspruch hervor, den sie seit Jahren aufbewahrt: „Alles mit der Zeit.“ Ein Satz, der ihr Künstlersein treffend beschreibt. Sie möchte neugierig bleiben, weiterlernen und Schritt für Schritt ihren eigenen Weg gehen.

Am Ende ist es wahrscheinlich die Faszination für Farben, die Xenia Graf antreibt. Nicht als bloßes Gestaltungsmittel, sondern als Sprache. Eine Sprache, die Hoffnung ausdrücken, Erinnerungen bewahren und Menschen berühren kann – lange bevor ein Bild erklärt werden muss. Und genau darin liegt das Leuchten hinter den Farben.

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Text und Fotos: Anne Herrig