Joachim Fuhrländer


„Man darf also Mut haben“
Windkraftpionier Joachim Fuhrländer bringt vom Westerwald aus Energie in die Welt

Es gibt Lebenswege, die sich nicht geradlinig erzählen lassen. Und vielleicht sind gerade sie die interessanteren. Der von Joachim Fuhrländer beginnt nicht in den großen Industriezentren, nicht in den gläsernen Bürotürmen internationaler Konzerne, sondern in einer Landschaft, die für Bodenständigkeit, Wetterfestigkeit und Beharrlichkeit steht: im Westerwald, genauer gesagt in Waigandshain.

Wer mit Fuhrländer spricht, merkt schnell, dass diese Herkunft für ihn keine folkloristische Beigabe ist, sondern ein Fundament: „Der Westerwald ist und bleibt meine Heimat, meine Wurzeln, die man nicht rausreißen kann“, gesteht er. Und setzt nach: „Der Westerwald hat mich geprägt und stark gemacht – mit Wind, Wetter und Westerwälder Plattdeutsch –, als Schmied, als Helfer in der Landwirtschaft, als Unternehmer.“ Diese Sätze erklären viel. Sie erzählen von einer Region, in der Arbeit nie bloß abstrakt ist, sondern greifbar. Von einer Prägung, in der Anpacken, Durchhalten und Improvisieren selbstverständlich dazugehören.

Vielleicht aus eben dieser Haltung heraus entstand auch seine unternehmerische Geschichte. Joachim Fuhrländer gehört zu den frühen prägenden Figuren der deutschen Windkraftentwicklung. Mit seinem Unternehmen machte er seinen Namen weit über die Region hinaus bekannt. In den starken Jahren der Windkraftbranche arbeiteten zeitweise bis zu 700 Menschen im Westerwald für die Fuhrländer AG. Das war für die Region mehr als nur ein wirtschaftlicher Erfolg. Es war ein Signal: dass auch aus einer ländlich geprägten Gegend heraus Industrie, Innovation und internationale Strahlkraft entstehen können. Windkraftanlagen aus dem Westerwald gingen in zahllose Länder, die Projekte erstreckten sich weit über Deutschland hinaus.

Auf die Frage, was ihn antreibe, antwortet er mit einem Satz, der fast wie ein Lebensmotto klingt: „Es ist schwer anzusehen, wie Dinge falsch laufen. Man muss also Spuren hinterlassen. Denn sonst bleibt ja alles spurlos und farblos.“ Das ist keine betriebswirtschaftliche Formel. Es ist ein persönliches Statement. Und vielleicht erklärt gerade das, warum Fuhrländer bis heute nicht aufgehört hat, neue Wege zu suchen.

Auch schwierige Phasen gehören zu seiner Biografie. Die Insolvenz der Fuhrländer AG im Jahr 2012 war ein solcher tiefer Einschnitt – menschlich wie unternehmerisch. „Diese Zeit war einfach sehr schwer. Nie, bis heute, gab es klare politische Ansagen, auf die man hätte bauen können. Ich hatte immer Existenzangst.“ Doch in Fuhrländers Leben wirkt das rückblickend alles nicht wie ein Endpunkt, sondern eher wie eine Zäsur, nach der sich der Blick noch einmal verändert hat: weg vom reinen Industriegeschäft, hin zu Projekten, die technisches Wissen, Energieversorgung, Bildung und konkrete Hilfe enger zusammenbringen.

Energy & Education
Heute steht über Fuhrländers Arbeit eine Idee, die ebenso einfach wie programmatisch formuliert ist: Energy & Education. Energie und Bildung also – für ihn zwei entscheidende Grundlagen, wenn Entwicklung gelingen soll. „Schon seit längerer Zeit sind die wichtigsten Dinge auf der Welt Energie und Bildung – nicht nur in Afrika“, wiederholt er. Und darin steckt viel von dem, was seine jetzigen Projekte ausmacht.

Denn Fuhrländer denkt Energie nicht isoliert: Es geht ihm nicht nur darum, Solarsysteme oder Batteriespeicher zu liefern. Es geht um das, was mit verlässlicher Energie überhaupt erst möglich wird: medizinische Versorgung zum Beispiel, Landwirtschaft, Kühlung, Wasseraufbereitung, Ausbildung, letztlich: Selbstständigkeit. In Kamerun wurde so etwa ein intelligentes Solar-Batterie-System aufgebaut, zur Versorgung eines Waisenhauses, eines Medical Centers und weiterer Anwendungen. In Ghana arbeitet Fuhrländer an großen solarbetriebenen Bewässerungsanlagen für den Maisanbau, außerdem an Projekten zur Trinkwasserabfüllung und an Konzepten für medizinische Einrichtungen. Denn überall dort, wo Stromausfälle zum Alltag gehören, wird Energie nicht zum Komfortthema, sondern zur elementaren Voraussetzung für Versorgung und Stabilität.

Gerade im medizinischen Bereich zeigt sich, wie konkret Fuhrländers Ansatz ist. Wenn Krankenhäuser und Gesundheitszentren nicht zuverlässig versorgt werden, geraten selbst grundlegende Untersuchungen und Behandlungen ins Wanken. Deshalb entwickelt er mit Partnern Lösungen, mit denen auch anspruchsvolle medizinische Geräte unabhängig vom Stromnetz betrieben werden können. Das reicht bis zu Systemen für MRT-Technik oder Dialyse.

Dabei setzt Fuhrländer auf etwas, was er selbst „vertikale Komplettlösungen“ nennt. Auch das ist typisch für seine Denkweise: nicht nur ein einzelnes Produkt liefern, sondern vom Bedarf her denken. „Wenn ein Krankenhaus ein MRT benötigt, stellen wir mit unserem Team den Behandlungsbereich fest, ermitteln das beste Gerät und liefern wieder alles – auch mit der Energie. Dazu gibt es befreundete Ärzte und Ingenieure im Team. Es entstehen somit keine undefinierten Schnittstellen mehr.“

Bemerkenswert ist dabei, wie klar Fuhrländer Hilfe und Entwicklung voneinander unterscheidet. Spenden, erklärt er, seien dort wichtig, wo akute Not herrscht – bei Hunger, Krankheiten oder Kinderheimen. Für dauerhafte Entwicklung aber setzt er auf Arbeit, Ausbildung und Eigenverantwortung. „Spenden machen ansonsten abhängig und nehmen den Stolz auf eigene Leistung. Daher muss man ausbilden und zu Eigenständigkeit verhelfen.“

In diesem Geiste denkt Fuhrländer an seinen Traum, den er gerne noch verwirklichen will: „Eine Akademie für Erneuerbare Energien und Medizintechnik, irgendwo in Afrika, zunächst in zwölf Berufen.“ Dieser Traum fügt sich nahtlos in seinen Lebensweg ein. Denn Ausbildung war für ihn nie Nebensache, sondern immer Teil seines unternehmerischen Denkens: Junge Menschen fit machen für Technik, Verantwortung und Zukunft.

Zwischen Aufbruch, Antrieb und Leidenschaft
Was an Joachim Fuhrländer immer wieder auffällt, ist die Mischung aus regionaler Verwurzelung und weltweiter Beweglichkeit. Sein Netzwerk spannt sich, wie er selbst schreibt, „von Kanada bis China und Japan – und von Schweden bis Südafrika“. Sein Verhältnis zu Afrika ist dabei nicht von Distanz geprägt, sondern von großer Nähe und Interesse. „Afrika ist ein junger Kontinent mit einem sehr niedrigen Durchschnittsalter“, erzählt er. „Diese jungen Menschen sind hochmotiviert und kennen keine Work-Life-Balance.“ In einem Bonmot: „We need people who love Monday.“

Auch sein Rat an junge Menschen hierzulande passt dazu. Statt Abwarten empfiehlt er: „Raus aus dem Work-Life-Balance-Trend und, am besten in Afrika, ein halbes oder ganzes freiwilliges soziales Jahr machen.“

Neben Energie und Bildung spielt für Fuhrländer noch etwas anderes eine auffallend große Rolle: die Musik. „Musik war und ist ein sehr wichtiger Bestandteil“, sagt er über sein Leben. Seine Frau Anna ist Geigerin und leitet das Kurorchester in Bad Füssing. Durch sie, erzählt er, habe sich sein Zugang zur klassischen Musik noch einmal erweitert. „Und wenn ich bei irgendeiner Arbeit auch mal feststecke, gehe ich einfach in eines der zehn Konzerte pro Woche und genieße Musik.“

Möglicherweise ist es genau diese Mischung aus Technikbegeisterung, Weltoffenheit und persönlicher, kreativer Leidenschaft, die Fuhrländers Lebensweg bis heute prägt. Vom Schmied im Westerwald zum Windkraftpionier, vom Industrieunternehmer – sogar Bundesverdienstkreuzträger – zum Initiator internationaler Energie-, Medizin- und Bildungsprojekte. Seine Geschichte ist eine, die weit hinaus in die Welt führt. Und doch gibt es einen Ort, der für ihn immer wieder zum inneren Bezugspunkt wird, „Heimweh“ weckt: Der höchste Punkt des Westerwaldes. „Mein Lieblingsplatz ist die Fuchskaute“, schwärmt Fuhrländer. „Dort durfte ich einige meiner vielen Ideen umsetzen und den Menschen dienen. Pure Freude.“

Vielleicht ist es genau dieses Bild, das am besten zu ihm passt: oben auf dem Westerwaldkamm, wo der Wind über die Höhen zieht und der Blick weit reicht. Ein Ort, an dem Herkunft und Aufbruch zusammenkommen – ein Ort mit Weitblick, Naturkraft und Raum für Vernetzung. Genau die Dinge, die Fuhrländer immer wieder neu tatkräftig nutzt. „Man darf also Mut haben.“

BUCHTIPP
JOACHIM FUHRLÄNDER
Erneuerbar – Wenn Energie Zukunft gestaltet – Mein Leben als Windkraftpionier
BONIFATIUS VERLAG
ISBN: 978-3-9879002-3-5

Text: Anne Herrig I Fotos: privat, stock.adobe.com