Mayener Musikgeschichte


Eine Stadtchronik in Dur und Moll
Wie Mayen über Generationen seine ganz eigene Musikszene entwickelte

Mayen ist eine dieser Städte, die zwar auf der Landkarte wenig bedeutsam aussehen – sich aber kulturell wie ein großes Biotop anfühlen. Wer in der schönen Stadt mit rund 20.000 Einwohnern in den letzten 50 bis 70 Jahren aufgewachsen ist, wird sich erinnern: Man ging nur kurz irgendwohin – und stand plötzlich mitten in einer Probe, einem Tanzabend oder einem Konzert. Mayen hatte rund 100 Kneipen, Discotheken, abwechslungsreiche Veranstaltungsorte und ganz viele namhafte und besondere Künstler. Genau diese verdichtete Erinnerungslage hat Marco Weiler mit dem Buch „Mayener Töne“ eingefangen: nicht als Nostalgie-Kitsch, sondern als Stadtchronik in Dur und Moll – mit den Orten, den Gesichtern und den Songs, die sich in Mayen wie Markierungen ins Pflaster eingeprägt haben.

Von Chortradition zur Teenager-Kultur
Die frühe Musikgeschichte der Stadt trägt noch die DNA der klassischen Chöre und Gesangsvereine – und oft auch den heimischen Dialekt. Aus dem Umfeld des ruhmreichen MGV Concordia kam nicht nur Karl Rittel – nach dem Krieg entstand dort auch das Concordia-Quartett, das später zu Die Drei Spatzen – und schließlich zu Die Zwei Spatzen wurde, die bis 1996 im Karneval, auf Bühnen und sogar im Fernsehen präsent waren. Ihre Lieder im Mayener Platt sind kein folkloristisches Anhängsel, sondern Mayener Kulturgut: „Mäi Heimatstädtsche“, „De schiewe Tua“ und „Ohs Moddasprooch“ sind Titel, die wie kleine Stadtführer funktionieren – nur eben als Refrain.

Zeitgleich kamen aber schon die Umbrüche der späten 50er und 60er: Schallplatten, Radiosender, Musikboxen, Jugendzeitschriften – und plötzlich eine sichtbare Teenager-Kultur, die auch in Mayen Räume brauchte. Aus Tanz- und Singnachmittagen wurden neue Formate wie Open-Airs oder Wettbewerbe. Das Sommerfest der Mayener Jugend wuchs im Laufe der 60er zu einem Ereignis heran, bei dem sich die Stadt anfühlte, als hätte sie ein eigenes Woodstock im Taschenformat.

Die wilden 70er: Gitarre, Groove & Aufbruch
Die 70er brachten Vielfalt, weil manche damit Geld verdienen konnten und andere endlich eigene Songs spielen wollten. In dieser Phase tauchte in Mayen ein Name auf, der für viele bis heute wie ein Startsignal klingt: The Wizzard. 1969 gründeten die Gebrüder Schwall – Dieter, Rüdiger und Jürgen – gemeinsam mit Wolfgang Heinrichs eine Band, deren erstes Equipment mit Harmonium, Wandergitarre und Persil-Eimer eher nach Bastelbude aussah. Früh kamen weitere Musiker hinzu, etwa Horst Röckelein und Peter Hauprich, später prägten mit Elisabeth Schüller und Hans-Joachim Ebertz neue Gesichter den Sound. Ab 1981 stand Sängerin Marita Welski für den nächsten Entwicklungsschritt – inklusive Variophon (blasgesteuerter Synthesizer) und Kurswechsel hin zu Pop-Hits, Rockballaden und Jazzstandards. Sie entwickelten sich früh zu einer der prägenden Tanz- und Stimmungsmusik-Bands der Region.

Parallel entwickelte sich Roister: 1976 gegründet mit überwiegend eigenen Songs, vornehmlich in der Kategorie Hardrock, hatte man schnell das Image der „lautesten Band Mayens“. Ganz anders klang dagegen die Band Kampfmaschine, die in diesem Jahr ihr fünfzigjähriges Jubiläum feiert. 1976 gründete Thomas Schäfer die Formation gemeinsam mit Norbert Cremer und Wolfgang Schwarz – eine anfangs ungewöhnliche Konstellation, die sich durch einige Personalwechsel und legendäre Namen wie Hanno Müller, Jogi Rausch oder Lothar Dahm schnell zu einer regionalen Marke entwickelte. Was als musikalischer Ausbruch aus dem karnevalistischen Kosmos begann, wurde über Jahrzehnte zu einem festen Bestandteil der Mayener Festkultur mit vielen eigenen Hits.

1979 hieß es aber auch Abschied nehmen. Wenn es einen Ort gibt, der für das Mayener Heimatgefühl steht, dann ist es der Sterngarten – über Jahrzehnte der beliebteste Veranstaltungsort der Stadt, Bühne für Karneval, Tanz und viele spätere Ehen. Schmerzhaft und kontrovers ist bis heute das Kapitel seiner Schließung. Viele erzählen darüber noch so, als ob damals nicht ein Lokal abgerissen wurde, sondern ein Stück prägende Stadtgeschichte.

Die 80er und 90er: Von großen Bühnen zu neuen Szenen
In den 80ern explodierte Pop global – und Mayen blieb zugleich erstaunlich eigen. Während MTV Musikvideos zur neuen Währung machte, entstanden hier Vereinsstrukturen, die bis heute tragen: 1988 wurde die Musik AG gegründet, die auf der Genovevaburg unvergessene Abende veranstaltete – Unplugged, Jazz, Förderbühne und Heimspiel zugleich. Eine zentrale Rolle übernahm die 1980 erbaute Burghalle: Hier traten beispielsweise Münchener Freiheit, Herbert Grönemeyer, das Glenn Miller Orchester, The Lords und immer wieder Kölsche Größen auf. Besonders legendär: die beiden BAP-Konzerte vor rund 2.000 Fans.

Eine Band, die in den 70ern gegründet und in den 80ern Kult wurde, waren „die 3 Blackys“. 1976 beschlossen die Freunde Siegfried Keuser und Joachim Ebertz aufzutreten – stimmlich fehlte aber ein Tenor, und so komplettierte Rudolf Rosenbaum das Trio. Als Ebertz nach der Session 1979/80 ausschied und zu The Wizzard wechselte, rückte Heinz Arenz nach. Keuser als Songwriter prägte den Ton mit Liedern wie „Mayener Staan“, „Dat ahle Schloss“ oder „Mayener Mädscha – Mayener Junge“. Nach Rudolfs Ausstieg kam Steffi Kroschel (geb. Keuser) dazu. In der Prinzensession 1985/86 waren die Blackys Hofband von Prinz Theo I., und als Heinz Arenz 1989 Prinz wurde, tat man dies selbstverständlich in schwarz-goldenem Ornat.

Mit den 90ern kam der Gitarren-Boom zurück: Grunge, Punk, Britpop – und in Mayen wurde das Jugendhaus zum Motor. Proberäume, Konzerte – und ein Ort, an dem Bands wachsen konnten, bevor sie Bühnen eroberten. 1996 wurde mit der Kulturinitiative Mayen eine Struktur geschaffen, die bis heute prägt, unter anderem mit dem Lava Rock Festival. Parallel wuchs die Ära der großen Coverbands und Festzeltkultur – in der Mayen eine bemerkenswerte Professionalisierung zeigte: Tooltime stand für ein Spektrum, das von Rock bis Partyhymnen reichte – und für einen Anspruch, der klar sagte: Wir sind nicht „eine von vielen Bands“. Das Frontgespann aus Björn „Bo“ und Maria Fuchs-Alameda sowie die Musiker Thorsten Zündorf, Matthias Münch, Daniel Münch und Sven Zelter sorgten für ein Lebensgefühl einer ganzen Generation und bildeten mit Vampire und Sidewalk die Basis für viele große Events.

Mayen im neuen Jahrtausend
Die 2000er und 2010er brachten neue Möglichkeiten: Jeder konnte jetzt aufnehmen, filmen, veröffentlichen – ohne großes Budget. Das nutzten lokale Projekte, um Stadtliebe in Musik zu gießen. Ein besonders schönes Beispiel ist „Dat es Maye“ von 2Jestalte, der Duo-Auskopplung der BAP-Coverband Fünf Jestalte. Der Song ist Heimathymne und Denkmal zugleich – auch für den 2012 verstorbenen Bruder „Knutze“.

Gleichzeitig entstanden Bands und Projekte wie PassPar2 mit Martin Dreis, Patrick Bales sowie Johannes Schüler, oder Blood Red Sunset um die spätere Miss Eifel Aylin Gördüm und Songwriter und Bassist Benedict Römer. Sie wurden vor allem für ihren legendären Auftritt im ZDF-Fernsehgarten 2007 bekannt. Aber auch Partykultur-Phänomene wie Töffi – der singende Schornsteinfeger aka Christopher Elzer oder Percussion-Acts wie The Real Safri etablierten sich.

Der Mayener James C. Stone war in dieser Zeit ebenfalls aktiv. Er erzählt: „2011 trat ich im SWR-Fernsehen beim Närrischen Ohrwurm mit meinem selbst geschriebenen Song ‚Wir Eifler!‘ auf. Offiziell belegte ich den 10. Platz. Betrachtet man, dass die vorderen Plätze nur Coversongs waren und mein Beitrag eine eigene Komposition, bedeutet das im Grunde genommen einen dritten Platz für mich. 2016 war mein letzter Auftritt als ‚Jimmy DE‘. Für 2026 plane ich mein Comeback!“

Über allem lag in dieser Zeit eine stille Zäsur, die die Stadt bis heute prägt: der Verlust ihrer Orte. Kneipen schlossen, das Haus im Möhren verschwand, die Lokhallen wurden zu einem Asia-Restaurant. Dass Mayen trotzdem noch Nachwuchs hervorbringt, zeigt der 2001 geborene Steven Fischer. Seine Geschichte ist so modern wie klassisch: Ein spontanes „Halleluja“ in einer polnischen Jugendherberge, dann der Auftritt in der Herz-Jesu-Kirche und ein Handyclip, der plötzlich Reichweite bekam. Es folgte ein Weg, der über Studioaufnahmen bis zur TV-Bühne führte. Fischer, heute Frontmann von The Wild Bobbin‘ Baboons, steht dabei nicht nur für Talent, sondern auch für Stilbewusstsein.

Wenn die Stadt zur Bühne wird
Mayen ist Garnisonstadt – und auch das ist Teil der Musikgeschichte. Das zeigte sich zuletzt eindrucksvoll am 14. Juli 2025, als die Big Band der Bundeswehr den Marktplatz in eine Open-Air-Arena mit tausenden Menschen verwandelte: Swing, Jazz, Rock, Pop – und am Ende 25.000 Euro Spenden. Dazu passt auch das Gläserne Hitparadenstudio von SWR1, das 2018 auf dem Marktplatz stand und unter anderem Fools Garden in die Stadt brachte.

Ja, Mayen ist klein – aber nicht provinziell. Das zeigt auch die Liste jener, die ebenfalls mal zu Gast waren. Angefangen bei Schlager-, Pop- und Partykünstlern wie Michelle, Glasperlenspiel, Christian Anders, Oli P., Jürgen Drews oder Paola Felix, bis zu großen Stars wie Marianne Rosenberg, Boney M., Wolfgang Petry, Tom Astor, Truck Stop oder Peter Maffay. Hinzu kamen unsterbliche Legenden wie Willy Millowitsch, Ireen Sheer, Billy Cobham oder Peggy March sowie jene aus der Region, die große Namen wurden, wie Django Reinhardt, Thomas Anders und die Heavytones.

Zuletzt sind da noch Namen, die nicht einfach Musiker waren, sondern Institutionen. Zu dieser Kategorie gehörten die leider bereits verstorbenen Kurt Klebe oder Schorsch Nürnberg. Gerade letzterer war Musiker, Musikschulleiter, Fixstern einer Szene. Sein Tod 2022 riss – das ist in solchen Stadtbiotopen keine Floskel – eine Lücke. Bei seiner Beerdigung trafen sich Weggefährten, und plötzlich war da dieses kollektive Wissen: Man kann Jahrzehnte Kultur nicht ersetzen.

Nicht jeder Ort und kaum ein Ort dieser Größe hat so viel Musikgeschichte zwischen Karneval und Rockmusik zu bieten, wie „das Tor zur Eifel“. Diese Stadt hat Persönlichkeiten hervorgebracht und Events geprägt, die weit über die Region hinaus bekannt sind.

BUCHEMPFEHLUNG
Marco Weiler
„Mayener Tone – eine musikalische Reise“
Geschichts- & Altertumsverein Mayen
ISBN: 978-3-930821-47-1

Text: Roland Schafges / Fotos: Roland Schafges – www.myfoto24.eu, Gilbert May, Kampfmaschine