Nicol Pia Hochwald macht, was sie will, und sorgt damit regelmäßig für Kopfschütteln und hochgezogene Augenbrauen. Denn was ihren Kleidungsstil betrifft, folgt sie keinem Dresscode – schon gar nicht einem, der ihr durch Dogmen aufdiktiert wird.
Und plötzlich ist da Social Media
Nicol lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in einem kleinen 280-Seelen-Dorf in der Nähe von Linz. Jeder dort kennt sie. Seit 29 Jahren arbeitet sie als Projektmanagerin bei einer großen Telekommunikationsfirma. Auch hier weiß jeder, wer sie ist.
2017 beginnt sie, Fotos ihrer Outfits auf Social Media zu posten. Ohne Strategie. Einfach aus Freude an Mode. Sie wird zur Content Creatorin und Influencerin. Ihr Look ist auffällig. In ihrem Kleiderschrank: alles. Sie ist mal bunt, mal sexy, mal laut, mal leise. Eins ist sie dabei immer: extravagant, selbstbewusst und authentisch. Grund genug, dass sie im Gedächtnis bleibt und man über sie spricht.
Mode ist für sie eine Ausdrucksform der eigenen Persönlichkeit und Stimmung. Ihr Kleidungsstil ist eine innere Haltung, keine Inszenierung. Während des Corona-Lockdowns beginnt sie auf ihren Kanälen mit Video-Posts. Sie zeigt, wie ihre Looks entstehen, gibt Styling-Tipps und ermutigt ihre Follower, sich trotz Homeoffice aus der Jogginghose zu schälen, kreativ zu werden und Neues auszuprobieren. Klingt lapidar, doch ihre Reichweite und die Zahl der Follower wachsen kontinuierlich. Mittlerweile folgen ihr mehr als 160.000 Menschen auf Instagram, Facebook und TikTok. Tendenz steigend.
Doch was unterscheidet Nicols Content von anderen Mode-Posts? Es ist nicht allein der pinke Lidschatten, die rosa gefärbte Tolle mit kurz rasierten Seiten oder das Nasenpiercing. Es sind auch nicht die riesigen Statement-Ketten, die mit den vielen Kreuzen zu ihrem Markenzeichen geworden sind. Oder die Leo-Leggings, der Minirock und die knalligen Farben. Der Erfolg liegt auch an ihrer inneren Haltung und – an ihrem Alter.
Selbstbewusst kontern gegen Kritik
Nicol ist 53 – und somit nach Meinung mancher viel zu alt für die Outfits, die sie trägt. „Zieh dich doch mal altersgemäß an. So kannst du doch nicht rumlaufen“, hört sie immer wieder. Doch, sie kann. Denn wer legt fest, was altersgemäß ist und wie lange man etwas tragen darf? „Niemand“, findet Nicol und nimmt somit keine Rücksicht auf gesellschaftliche Konventionen. Erst recht nicht, wenn andere finden, dass sie das tun sollte.
Nicol lässt sich durch ein Altersdogma, das Frauen über 50 Grenzen setzen will, nicht abhalten. Im Gegenteil. Auf Kritik reagiert sie schlagfertig und mit Humor, kontert mit neuen, auffälligen Looks. Ihre Suche nach einem „Altersbegrenzungsschild“ im Kleidungsstück geht viral und ihre Community wächst weiter. „Es war nie mein Plan, Influencerin zu werden“, erzählt sie. „Doch irgendwie haben sich die Menschen angesprochen gefühlt.“ Ihr klarer Appell: „Sei du selbst und trage, was dir gefällt!“
Mut zum eigenen Ich
Nicol richtet sich damit an alle Menschen, denen der Mut dazu fehlt. „Ich möchte den Menschen bewusst machen, dass es egal ist, was andere von ihrem Outfit halten. Niemand sollte sich durch Kritik einengen oder verunsichern lassen.“
Das trifft einen Nerv. Ihr Postfach quillt über. Sie bekommt unzählige Nachrichten von Menschen, die sich bei ihr bedanken, weil sie sich getraut haben, etwas anzuziehen, was sie seit Jahren im Schrank haben.
Für Nicol geht es nicht darum, dass aus einer grauen Maus plötzlich ein Paradiesvogel werden soll, wie sie sagt. Es geht ihr vielmehr darum, den eigenen Kleiderschrank neu zu betrachten und sich zu trauen, kleine Dinge zu verändern, selbst wenn es nur eine andere Kette ist. „Man kann zu Hause ja einfach mal Verschiedenes ausprobieren und schauen, wie es sich anfühlt. Deswegen muss man ja noch lange nicht so auf die Straße gehen.“
Außenseiterin – und das ist gut so
Aufgefallen ist Nicol mit ihrem Kleidungsstil schon immer. „Ich war nie jemand, der mit der Mode gegangen ist“, erzählt sie. In der Schule machte sie das zur Außenseiterin. „Meine Mitschüler fanden immer, dass ich komisch angezogen bin“, sagt sie schmunzelnd. „Das war zwar nicht immer einfach, aber angepasst habe ich mich trotzdem nicht.“ Dass sie nicht zu den „coolen Mädchen“ gehörte, hat sie nie gestört.
Sie mag es eben, aus der Masse herauszustechen. „Es ist doch schön, wenn sich die Menschen an dich erinnern.“ Im Laufe der Zeit hat sie mehr und mehr gelernt, Scheuklappen aufzusetzen. Heute bemerkt sie die missbilligenden Blicke gar nicht mehr.
Stil kennt kein Preisschild
Wichtig ist Nicol außerdem, dass ein modisches Outfit nicht zwangsläufig teuer sein muss. Bewusst kauft sie bei Modediscountern oder in Second-Hand-Boutiquen ein. Sie möchte zeigen, dass man sich auch mit kleinem Geldbeutel stilvoll kleiden kann und wie vielfältig sich einzelne Teile kombinieren lassen. „Es geht nicht darum, jeden Trend mitzumachen und ständig neue Sachen zu kaufen“, erklärt sie. „Mode entsteht im eigenen Kopf und damit kann man zeigen, wer man ist.“
Nicol setzt Statements und gibt Denkanstöße, sowohl was den eigenen Look betrifft als auch das eigene Mindset. Vielleicht braucht es mehr Menschen wie Nicol – nicht um aufzufallen, sondern um daran zu erinnern, dass Stil keine Frage des Alters und des Geldes ist, sondern des Mutes. Würde jeder ein bisschen mehr denken wie sie, wäre manches leichter – vor allem für einen selbst.
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