Motorworld München


Wo Industriekultur auf Sportwagen trifft – und ein Rheinländer das Areal in Bewegung hält

In München-Freimann steht ein Gebäudekomplex, der wirkt, als wäre er direkt aus der industriellen Vergangenheit in die Gegenwart katapultiert worden. Die Motorworld München ist keine moderne Hochglanzkulisse auf grüner Wiese, sondern ein echtes Industriedenkmal. Herzstück ist das umgebaute Ausbesserungswerk der Deutschen Reichsbahn, das zwischen 1939 und 1942 entstand. Heute ist daraus ein Erlebniszentrum geworden, in dem Mobilität, Lifestyle, Hotellerie und Eventbusiness ineinandergreifen. Dass ausgerechnet ein Koblenzer diese Anlage leitet, ist dabei mehr als eine biografische Randnotiz. Es ist eine Pointe, die durchaus passt: industrielles Erbe trifft zeitgenössische Inszenierung – und ein Rheinländer setzt den Münchner Maßstab.

Rheinische Wurzeln und Münchner Bühne
Gerhard Kostka, 50 Jahre alt, geboren in Bad Neuenahr und aufgewachsen in Waldesch bei Koblenz, führt den Standort seit März 2023 als Center Manager. Nach dem Abitur 1996 am Gymnasium Karthause entschied er sich dagegen, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, der damals eine Zahnarztpraxis führte. Nach dem DRK-Zivildienst startete er in Frankfurt die Hotelfach-Ausbildung. Von da ging es über mehrere Stationen bis nach London, bevor er schließlich in München landete. Dort fand er sein neues Zuhause, heiratete 2005 eine Südtirolerin und gemeinsam bekamen sie drei Söhne.

Auf seinem Weg begleitete ihn stets das Tempo seiner „unbeschwerten Jugend“: Weiberfastnacht, Altstadt, Treffen „vor dem Mephisto“, dazu leistungsorientiertes Tennis beim TC Rheinanlagen Koblenz bis in die Rheinlandliga oder seine Zeit als passionierter „Auftrags-Drummer“. Er erinnert sich an eine kleine Konzertreise nach Frankreich und Auftritte, bei denen „ein paar tausend Leute“ vor der Bühne standen – etwa am Jesuitenplatz oder auf der Festung Ehrenbreitstein.

Seine rheinische Bodenhaftung und Herzlichkeit verbunden mit bayerischer „Mia san mia“-Mentalität bringt Kostka heute nach Freimann: selbstbewusste Gastgebermentalität, Disziplin, aber auch Mut zum Risiko. Er ist kein klassischer „Auto-Mann“, der aus dem Motorsport- oder Händlerumfeld kommt. Er ist ein Dienstleistungsprofi aus der Hotellerie mit klassischem Werdegang. Stationen wie Hoteldirektor, Sales-Chef oder Event-Manager bedeuten in der Branche vor allem eines: Prozesse, Qualität, Belastbarkeit. In Freimann ist das kein netter Zusatz, sondern Überlebensprinzip. Denn die Motorworld ist kein Museum, das man öffnet und dann verwaltet. Sie ist ein Ort, der jeden Tag neu läuft, sich neu füllt und sich täglich aufs Neue beweisen muss.

Ein Industriedenkmal wird Erlebniswelt
Wer die Dimensionen verstehen möchte, muss die Hallen sehen: Kernstück ist die denkmalgeschützte Lokhalle, die mit rund 185 Metern Länge, 90 Metern Breite und bis zu 18 Metern Höhe eine der größten freitragenden historischen Stahltragwerkshallen Europas ist. Nach rund zwölf Jahren Planung und Bauzeit wurde das Projekt im Mai 2021 eröffnet. Die Gesamtfläche beträgt rund 75.000 Quadratmeter. Gründer Andreas Dünkel investierte nach bekannten Angaben rund 200 Millionen Euro in den Umbau.

„Es ist ein geschichtsträchtiger Ort“, sagt Kostka, und man merkt, dass er diese Historie nicht übertüncht, sondern nutzt. Das Gebäude arbeitet mit seiner Vergangenheit. Sichtbare Stahlträger, industrielle Patina, bewusst belassene Spuren – selbst Graffiti aus Zeiten des Vandalismus werden nicht wegpoliert, sondern als Teil der Erzählung aufgenommen. „Wir haben hier so eine Mischung aus der alten Bestandsstruktur belassen, aber auch viel Neues hinzugebaut“, berichtet der Center Manager. Durch diese Mischung entsteht ein Sog, den viele Besucher sofort spüren.

„Wenn man hier reinkommt, diese Architektur sieht, diese Halle, dieses Feeling, dann sagt man einfach: wow“, schwärmt Kostka von seinem Arbeitsplatz. Das „Wow“ entsteht jedoch nicht nur durch Fahrzeuge, sondern durch die Wirkung, durch die Länge der Sichtachsen, die Kontraste, die Geschichte: Industriedenkmal und modernste Showrooms, historische Wände und gläserne Werkstätten, urbane Kulisse und automobiler Luxus. Unter dem Dach befinden sich mehr als 30 Automarken von Oldtimern bis Neuwagen, dazu Gastronomie, Bars und Cafés sowie Tagungsräume und ein Hotel mit 156 Zimmern. Die Motorworld ist 365 Tage im Jahr geöffnet und der Eintritt ist immer kostenfrei. So lockt sie täglich zwischen 2.000 und 20.000 Menschen an – abhängig von Eventlage und Saison. Die Besucher kommen nicht, um etwas kaufen zu müssen, sondern, um etwas zu erleben – und vielleicht auch einfach nur, um eine Tasse Kaffee zu trinken. „Der Ort soll es erlauben, zu träumen“, fasst es Kostka zusammen.

Zwischen Spontanität und Leidenschaft
Der Job, so Kostka, „verlangt eine Mischung von allem.“ Er sei ein Hybrid aus Hotelmanager, Museumsdirektor und Mädchen für alles. Ob Instandhaltung, Sauberkeit, Besucherführung, Ausschilderung, Prozessoptimierung die Betreuung von Kunden und Events – alles läuft über seinen Tisch. Es sind Aufgaben, die einen komplexen Ort wie diesen stabil halten. „Als jemand aus der Hotellerie setze ich sehr viel auf Qualität und Prozesse, die es immer zu optimieren gilt“, sagt der 50-Jährige. Vieles klinge banal, sei aber „essenziell für den täglichen Betrieb“.

Trotzdem ist der Alltag unberechenbar. „Ich kann mir einen Tag strukturieren und weiß dann eigentlich am Morgen schon, ob meine Pläne klappen oder nicht“, sagt der sympathische Rheinländer. Hier sei „Improvisationsfähigkeit nicht Kür, sondern Grundlage“. Und manchmal zeigt sich die Praxis in einem Zufall: Als während des Interviews plötzlich der Strom ausfällt, muss umgehend eine Problemlösung her, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Denn ein Center Manager wird nicht an Worten gemessen, sondern an Reaktionsgeschwindigkeit und an der Fähigkeit, selbst unter Druck, Lösungen zu finden.

Wenn Motoren die Halle zum Schweigen bringen
Das Faszinierende ist, dass man hier nichts künstlich inszenieren muss: „Sobald ein Motor angeht, habe ich eine Traube drumherum“, sagt Kostka. Jugendliche mit Kameras, Carspotter, Besucher, die plötzlich stehenbleiben. Der Ort wird zur Bühne – nicht, weil jemand eine Show ankündigt, sondern weil der Klang, die Mechanik und die Präsenz eines Autos sofort eine soziale Situation erzeugen. „Wenn ein Motor angeht, beispielsweise der eines Zwölfzylinders, hält die ganze Halle inne und alle drehen sich um.“ So entsteht Begeisterung – nicht durch Infotafeln, sondern durch Erlebnisse.

Gleichzeitig hält Kostka den Blick offen für die Gegenwart: Elektromobilität sei willkommen, denn der Standort wolle nicht ausschließen, sondern abbilden. „Wir verstehen Mobilität als Kontinuum.“ Kostka spricht aus, was viele empfinden, ohne es abzuwerten: „Ein Elektrofahrzeug rauscht oft sehr leise vorbei, sodass man es kaum mitbekommt, während Verbrenner immer Emotionen auslösen.“ Das sei „etwas schade“, aber er bleibt konsequent: „Bei uns ist jedes Gefährt willkommen. Wir haben Benzin im Blut und Elektrizität in den Venen!“

Vom Rolls-Royce bis zum Schumacher-Benetton
Dabei sind einige Autos in Freimann gar kulturelle Ikonen. Kostka nennt als Highlight einen Rolls-Royce, gefahren von Muhammad Ali persönlich – inklusive Original-Boxhandschuhen und Gürtel. Das ist nicht nur Autokultur, sondern Popkultur. Noch stärker wirkt ein Exponat, das in Deutschland fast automatisch Emotion auslöst: das erste Weltmeisterauto von Michael Schumacher, der Benetton-Ford B194 von 1994. Der Wagen sei nicht nur im Besitz, sondern würde aufwendig „aufs kleinste Detail kontrolliert und geröntgt, damit nichts passiert“. Der Motor werde „am Leben gehalten“ und der Wagen sei nach mehrtägiger Inspektion startbereit, könne auf eigener Achse fahren. Die Motorworld zeigt eben nicht nur Objekte, sondern erhält Funktionsfähigkeit. Und genau das ist der Unterschied zwischen Ausstellen und Erlebbarmachen.

Dazu kommen Elemente, die den Standort besonders machen. Kostka spricht zum Beispiel von der „größten Glasboxenanlage der Welt“, die im Münchener Komplex 111 mietbare Glasboxen umfasst. In der Praxis bedeutet das: Privatleute und Händler können Fahrzeuge sichtbar, aber geschützt präsentieren – als Garage, Ausstellungsraum oder Verkaufsfenster. Die „unglaubliche Varietät“, wie Kostka sie beschreibt, beeindruckt: vom Rolls-Royce mit Königshausbezug bis zu Supersportwagen mit prominentem Besitzer. Wichtig ist ihm jedoch Diskretion. Er weiß, dass viele Eigentümer bewusst im Hintergrund bleiben wollen. „Es geht einfach um das Fahrzeug, um diese Begehrlichkeit.“ So steht das Objekt im Mittelpunkt, nicht der Besitzer.

Konzerte, Events und Erlebniswelt
Die Motorworld ist nicht nur Bühne für Automobile, sondern auch Kulturstandort – und damit von großer Relevanz für München. Kostka bezeichnet die 1916 erbaute Zenith-Halle stolz als „Kulturgut“. Heute dient sie als Konzertlocation für bis zu knapp 6.000 Personen. Internationale Namen, große Rap-, Rock-, Techno- oder House-Events sowie kleinere, exklusivere Formate finden hier einen angemessenen Rahmen. Eine Ausrichtung, die kein Zufall ist: Wer wegen eines Konzerts kommt, bleibt vielleicht auch für eines der acht Restaurants oder das Hotel, geht durch die vielen Showrooms und Geschäfte oder nutzt die Action-Erlebnisse wie Flugsimulator oder professionelle Rennsimulatoren. Die Motorworld ist eben nicht bloß „Auto plus Event“, sondern ein zusammenhängendes Ökosystem.

Und das soll auch zukünftig so bleiben. Derzeit läuft der Umbau der Zenith-Halle. Weitere Modernisierungen und Vergrößerung stehen im Raum, Verwaltung und Gebäude sollen noch stärker ans Gesamtkonzept angepasst werden. Man wolle „Place to be“ sein für „Automobil, Lifestyle, Kultur – und wertvolle Zeit“. Wer hierherkommt, soll nicht nur konsumieren, sondern gegebenenfalls auch mal einen regnerischen Tag gestalten. „Man könnte sich hier theoretisch ein ganzes Wochenende einschließen – es würde nicht langweilig werden“, versichert Kostka abschließend.

INFOS
www.motorworld.de/muenchen

Text und Fotos: Roland Schäfges – www.myfoto24.eu