Das Selterswassermuseum


„Ein Selterswasser bitte!“
Wie aus einer regionalen Quelle ein globaler Begriff wurde

Nur wenigen Produkten gelingt es, mit ihrem Namen zu einem Gattungsbegriff, zu einem Synonym zu werden. Doch es gibt Beispiele, die wir alle kennen. Statt Papiertaschentuch sagen wir „Tempo“, statt Klebeband „Tesa“. Nach der Dusche nutzt niemand einen Haartrockner, sondern einen „Fön“ und die Internetrecherche wird als „googeln“ bezeichnet.

Für Mineralwasser – ob ohne, mit wenig oder viel Kohlensäure versetzt – kennen wir alle den Begriff „Selterswasser“. Wer im Restaurant eins bestellt, bekommt ohne Nachfrage zuverlässig ein Mineralwasser serviert. Doch wer kennt schon den Ursprung dieses mehr als 500 Jahre alten Gattungsbegriffs? Er stammt aus unserer Region – genauer aus Niederselters.

Geschichte erleben im Selterswassermuseum
Die erste urkundliche Erwähnung der Ansiedlungen Ober- und Niederselters stammt aus dem Jahr 772 und wird dort „Saltrissa“ genannt. Bereits zu der Zeit Karl des Großen gab es dort wohl eine salzhaltige aufsteigende Mineralquelle, die erstmals 1536 dokumentarisch belegt wurde. Jahrhunderte später wurde ihr Name weltweit zum Gattungsbegriff für Mineralwasser und birgt eine spannende sowie abwechslungsreiche Geschichte, die bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts reicht.

Diese kann im Brunnengebäude in Selters – dem Wahrzeichen der Gemeinde – verfolgt und erlebt werden. Nach umfangreichen Renovierungs- und Umbauarbeiten wurde 2011 in den Räumlichkeiten ein Mineralwassermuseum eröffnet – das zentrale Museum für Mineralwassergeschichte. Es bietet interessante Einblicke in die Geologie und Entstehung des Mineralwassers und unterstreicht dessen historische Bedeutung. Besichtigt werden können dort außerdem der historische Brunnentempel – die ehemalige Abfüllanlage – sowie die Haustrunk-Anlage. Gleichzeitig spiegelt die Ausstellung ein Stück Wirtschaftsgeschichte wider. Besichtigungstermine sind in Absprache mit der Gemeinde Selters möglich.

Selterswasser – Ein Getränk für die Elite
Das Interesse an diesem mit natürlicher Kohlensäure versetztem Wasser stieg seit Mitte des 16. Jahrhunderts kontinuierlich an. Laut einer Limburger Chronik hatte man 1606 durch Baumaßnahmen an der Quelle das „süße Wasser“ vom „sauren Wasser“ getrennt. Wenige Jahre später – während des 30-jährigen Krieges – gab es bereits erste Formen eines Kurbetriebs in Niederselters.

Hinweise auf erste Händler des Selterswassers gibt es aus dem 17. Jahrhundert. 1681 waren Niederselters und damit auch die Quelle in den Besitz des Kurfürstentums Trier übergegangen. Dort hatte man schnell die finanziellen Möglichkeiten durch die Quelle erkannt. Der Brunnenpächter zahlte 1708 26 Reichstaler Pacht, 1712 200 Reichstaler und 1720 bereits mehr als 2.000 Reichstaler.

Das Selterswasser war keineswegs ein Getränk für jedermann, sondern eher ein Luxusgut. 1753 kostete ein Krug mit 1,5 Liter Wasser neun Kreuzer. Ein Abendessen mit Bier kostete zu dieser Zeit zwei Kreuzer – also nichts für Bauern und Handwerker. Daher ist es nicht verwunderlich, welche Bedeutung der Haustrunk für die Menschen in Niederselters und teilweise den Nachbargemeinden hatte.

Auch Johann Wolfgang von Goethe war ein großer Freund des Selterswassers. Da er bei einem Aufenthalt in Jena keins hatte, schrieb er an seine Frau: „Schicke mir doch vier Krüge frisches Seltzer Wasser, es ist mir dieser Tage recht ein Bedürfnis geworden.“ Dem Ort der Quelle stattete er 1815 sogar einen Besuch ab.

Von Krügen zu Glasflaschen
Offiziell wurde das Quellwasser bis 1870 in Keramikkrügen abgefüllt, die aus dem Kannenbäckerland geliefert wurden. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren es etwa 200.000 bis 300.000 Stück pro Jahr. Es folgte sukzessiv die Umstellung auf Glasflaschen.

Baumaßnahmen an der Quelle sowie technische Entwicklungen bei der Abfüllung und dem Transport machten eine permanente Steigerung des Absatzes möglich. 1753 wurden bereits rund 600.000 Krüge mit Selterswasser verkauft. Die Einnahmen aus Niederselters waren zu dieser Zeit der größte Einzelposten der trierischen Hofkammer.

Diese Prozesse können detailreich im Museum nachverfolgt werden. Mit alten Füllmaschinen, Krügen, Flaschen und zahlreichen Fotografien wird dort Geschichte lebendig. Das Museum verfügt über die weltweit größte Mineralwasserflaschen-Sammlung mit mehr als 2.500 Flaschen aus 119 Ländern.

Selterswasser erobert die Welt
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigten sich zahlreiche Schriften, Bücher und wissenschaftliche Arbeiten mit dem Selterswasser und steigerten damit noch einmal den Absatz und machten die Quelle zum ersten und bekanntesten Mineralwasser in Europa. Somit befand sich in Niederselters bis 1871 der umsatzstärkste Brunnen Deutschlands – aber auch darüber hinaus. Lieferungen nach Indonesien, Lima, Rio de Janeiro, Mittelamerika, Kolumbien und seit 1854 auch nach New York sind dokumentiert. Nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern der Welt wurde „Selterswasser“ so zu einem Begriff.

Auch heute noch löschen viele Menschen ihren Durst mit Mineralwasser. Gleichzeitig hat es sich aber auch zu einem sehr exklusiven Produkt entwickelt. Flaschenpreise von 20 bis 30 Euro für seltenes Quellwasser sind keine Seltenheit. Für eine Flasche mit fast 100.000 Jahre altem Gletscherwasser werden teilweise mehrere hundert Euro gezahlt. Kein Wunder also, dass es neben den bekannten Weinsommeliers inzwischen auch Wassersommeliers in Edelrestaurants gibt.

Eine bewegte Geschichte – bis heute
Im Laufe der Jahrhunderte hatte der Mineralwasserbrunnen in Niederselters zahlreiche Eigentümer – von kirchlichen Bistümern über verschiedene Landesherren, bis zu Privatunternehmen und großen Brauereien.

Auch die NS-Zeit ging nicht spurlos an der Gemeinde vorbei. Das Wasser wurde zu „Volkswasser zu Volkspreisen“. 1942 ging der Brunnen in den Besitz der SS über, wie auch Apollinaris. Nach der Übernahme durch die Nationalsozialisten wurden rund 30 russische und ukrainische Zwangsarbeiterinnen im Brunnen beschäftigt. Eine Gedenktafel erinnert seit 1998 an ihre in Niederselters verstorbenen Kinder.

Trotz der erfolgreichen Entwicklung in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg wurde die Quelle in Niederselters 1999 stillgelegt. Strategische Überlegungen zur Entwicklung des Mineralwassermarktes in Deutschland waren dabei sicher von Bedeutung. Die Gemeinde kaufte das gesamte Areal (rund 20.000 qm) mit allen Gebäuden und Einrichtungen 2001 für eine Million Euro. Die Renovierung und die Umbauarbeiten begannen 2003 und wurden Mitte 2011 abgeschlossen. Insgesamt wurden 6,7 Millionen Euro investiert. Der größte Teil wurde durch Zuschüsse des Landkreises, des Landes Hessen, der Bundesrepublik und der Europäischen Union finanziert.

Das Hauptgebäude beherbergt heute verschiedene Veranstaltungsräume, eine Kindertagesstätte und das Selterswassermuseum, das mit Bildern, Texten und Dokumenten die bewegte Geschichte der rund 500 Jahre alten Mineralwasserquelle erzählt.

Ausführlich und detailreich beschreiben Dr. Norbert Zabel, Eugen Caspary und Willi Hamm die rund 500-jährige Geschichte des Mineralwasserbrunnens Niederselters in ihrem Buch „Geschichte des Mineralwasserbrunnen in Niederselters“.

INFOS
www.selters-taunus.de

Text: Klaus-Peter Kreß / Fotos: Gemeinde Selters, Baumann Fotostudio