Pinocchio ’90


Bühne, Begeisterung und Gemeinschaft
Wie Pinocchio ’90 seit 35 Jahren Menschen verbindet, Talente fördert und die Region kulturell prägt

Er ist ein Aushängeschild für die ganze Region und egal, wo der internationale Theater- und Musicalverein Pinocchio ’90 auftritt – seine Vorstellungen sind restlos ausverkauft. Zuletzt im Herbst 2025, als die sozialkritische wie humorvolle Broadway-Show „9 to 5“ in zehn ausverkauften Vorstellungen insgesamt 4.000 Zuschauer in die Stadthalle Hadamar zog. Es waren Abende voller Emotionen und Lebensfreude, die dem Publikum ein einmaliges Gemeinschaftsgefühl vermittelt haben. Diese Spielzeit bildet den vorläufigen Höhepunkt einer 35-jährigen Vereinsgeschichte, die ihren Ursprung in den achtziger Jahren in der Arbeit italienischer Zuwanderer hat.

Anfänge zwischen Integration und Kreativität
Die Gastarbeiterkinder der katholischen Mission Limburgs wollten beschäftigt werden. Sie hatten am Festa della mamma (Muttertag) die Mütter mit kleinen Tanzszenen und einer Mini Playback Show erfreut. Geprobt wurde im Centro Italiano, das sich im Schloss hinter dem Dom befand, oder auch im Kolpinghaus.

Dieses lebhafte Engagement mündete in dem 1990 in Elz gegründeten Verein, der den Namen der Hauptfigur des weit verbreiteten italienischen Kinderbuches „Le avventure di Pinocchio“ trägt. Die 1880 von dem Schriftsteller Carlo Collodi geschaffene Kinderbuchfigur lebt hierzulande – trotz ihres Alters – in jugendlicher Frische weiter. So macht die Theatergruppe Pinocchio ’90 als international besetztes Kinder- und Jugendprojekt ihrem Namenspatron alle Ehre.

Das Publikum kommt – und bleibt
Mehr als 10.000 Besucher haben zu Beginn der Erfolgsgeschichte das Musical „Kinder-Cats“ gesehen, das die Theatergruppe Mitte der neunziger Jahre mit 22 Auftritten über die lokale Heimatbühne „Elzer Bürgerhaus“ hinaus weithin bekannt gemacht hat. Ausschnitte wurden sogar im Fernsehen gezeigt.

Große Erfolge feierte das Ensemble auch mit dem Märchen „Cinderella“, dem aufwendigen Musical „Oliver Twist“ und mit den herrlichen Bühnenbildern und Kostümen, die das „Dschungelbuch“ kindgerecht und spannend in Szene setzten. Großartige Produktionen und unzählige Musical-Galas folgten – nicht selten zur Unterstützung sozialer Aufgaben und Initiativen wie der Mukoviszidose-Stiftung, einer Krankenstation in Bukarest oder einer Lebensmitteltafel.

15-mal brachte das Ensemble 2003/2004 den himmlischen Spaß „Sister Act“ auf die Bühne. Kein geringerer als der bekannte österreichische Schauspieler und Theaterproduzent Peter Weck hatte die Schirmherrschaft übernommen und machte dem Pinocchio-Ensemble nach der Premiere in Hadamar ein großes Kompliment: „Ich bin ehrlich sprachlos über die ausgezeichnete Vorstellung und die Leistung. Da könnte sich so mancher, der sich Profi nennt, eine Scheibe abschneiden. Mit innerem Eifer und Überzeugung wird hier zum Erfolg, was andere für Geld nicht zustande bringen.“ Mit seinem Wiener Charme wandte sich der einstige Generalintendant der Vereinigten Bühnen Wien sodann an die von Carmen Schramm so originell gespielte Schwester Deloris und gestand: „Liebe Schwester, ich würde gerne noch mal zu Ihnen ins Kloster kommen.“

Für Furore sorgte auch „Alice im Wunderland“. Mit dem Musical gewann das Ensemble 2008 beim Europäischen Jugend Musical Festival in Herxheim den Deutschen Musicalpreis in gleich zwei Kategorien: Beste Sängerin/Sänger bis 14 Jahre (Monique Leidenbach) und bestes Bühnenbild. Die Erfolgsstory setzte sich in den folgenden Jahren mit den Musicals „AIDA“, „König der Löwen“, „Hairspray“, „Pippi Langstrumpf“ und „Shrek“ lückenlos fort.

Beim hessischen Verbandstag der Kinder- und Jugendtheater in Herborn wurde 2025 dem internationalen Theater- und Musicalverein unter seinem Vorsitzenden Michael Zabel der Kindertheaterpreis verliehen. Die Jury belohnte das junge Ensemble aus der hiesigen Region mit einem Preisgeld von 1.000 Euro sowie einer Urkunde für seine Leistungen in dem Stück „Eule findet den Beat“, das im Bürgerhaus Elz beim Publikum großen Anklang fand.

Ein Kraftakt aus Leidenschaft
Große Produktionen wechseln sich bei Pinocchio mit kindgerechten Vorstellungen ab, um allen die Möglichkeit zu eröffnen, die Bühne als Teil ihres Lebens zu begreifen. Und der Verein hat über die Jahre an Professionalität mächtig zugelegt. Welches Musical-Amateurtheater kann sich schon glücklich schätzen, für das Live-Erlebnis ein eigenes Musikensemble präsentieren zu können. Das jüngste Musical „9 to 5“ wurde von 13 Vollblut-Musikern des Jazzclub Limburg unter der Leitung des bekannten Musikers, Komponisten und Arrangeurs Benjamin Steil bespielt. Der Verein freut sich sehr über gemeinsame Produktionen dieser Art.

Die künstlerische Leiterin und Regisseurin Nicole Jost beginnt ein Jahr vor der Premiere mit den Proben. Mehr als 80 Darsteller und Mitwirkende jeden Alters bewegen sich auf und hinter der Bühne. Chor, Tanz, Choreografie, Schauspiel, Kostüme, Schminken, Bühnenbild, Akustik und Beleuchtung: Alles muss aufeinander abgestimmt werden. Häufig wechselt das Bühnenbild. Das machen die Akteure alles in Eigenregie und üben es in stundenlangen Proben ein, bis alles sitzt.

Gemeinschaft, die trägt
Was der gemeinnützige Verein bei Kindern und Jugendlichen in den Genres Theater und Musik bewirkt, sind wichtige Bausteine für ihr künftiges Leben. Immer wieder ist es schön zu sehen, wie aus dem Kindesalter Herangewachsene den Nachwuchs wiederum anleiten. Mehrere spätere Ehepartner haben sich bei Pinocchio gefunden und auch ihre eigenen Schützlinge mit der Bühne vertraut gemacht.

Selbst Corona schaffte es nicht, die Begeisterung im und um den Verein zum Erliegen zu bringen. Und viele fragen sich noch heute: Worin gründet sich der Erfolg dieses Vereins? Selbst in einer Krisenzeit waren immer Personen da, die es verstanden, jungen Menschen eine positive Lebenseinstellung und Freude am persönlichen Mitwirken in einem einzigartigen Gruppenerlebnis zu vermitteln. Dazu gehören Selbstdisziplin, Durchhaltevermögen, ein soziales Miteinander, Leidenschaft und der feste Glaube an die eigene Fähigkeit, Ziele zu erreichen.

Sprungbrett für Karrieren
Talente, die auf diese Weise aus dem Verein hervorgegangen sind, haben ihre Begabung in Theater- oder Musicalschulen weiterentwickelt. Das bekannteste Beispiel ist Andreas Bongard. Der heute 38-jährige, in Berlin lebende Star spielte bereits während seines Studiums auf bekannten Bühnen in New York und übernahm Hauptrollen in zahlreichen Film- und Theaterproduktionen.

2023 war Bongard bei den Bad Hersfelder Festspielen in der Rolle des Jesus von Nazareth in „Jesus Christ Superstar“ zu sehen und gewann den Zuschauerpreis der Festspiele. Vor zwei Jahren tourte er als Solist mit der Reihe „Disney in Concert“ durch Deutschland und Österreich. Zuletzt war das Talent im Hamburger Operettenhaus in der Rolle des William Shakespeare im Musical „& Julia“ zu sehen.

Ein Zuhause für die Bühne
Unter dem langjährigen Vorsitzenden und heutigen Ehrenvorsitzenden Peter Kirchberg war es dem Verein nach langer Suche 1996 gelungen, in der Offheimer Hintergasse das „Dreiseitgehöft“ der Peter Sehr Stiftung anzumieten. Das Wohnhaus aus dem 17. Jahrhundert mit Fachwerkscheune und Nebengebäude wurde als Vereinsheim mit Probenraum hergerichtet und ist das Herzstück des Vereins.

Durch die Bereitschaft der Kommunen in Hadamar und Elz ist es der Truppe möglich, mit ihren Aufführungen wahre Festspielhäuser bespielen zu können. Und nicht zu unterschätzen ist die riesige Gesamtleistung, die der Verein ehrenamtlich stemmt. Allein die Produktion von „9 to 5“ war mit Kosten von mehr als 70.000 Euro verbunden. Ohne Sponsoren wie die Nassauische Sparkasse, die seit mehr als drei Jahrzehnten die künstlerische und kulturell wertvolle Arbeit verlässlich fördert, wäre das alles überhaupt nicht denkbar. Aber trotz aller Herausforderungen ist eines sicher: Ob auf großen Bühnen und ungewöhnlichen Spielorten, in Stadthallen, auf dem Rhein, bei Festivals, Musical-Dinners oder Gartenschauen – von Waldmünchen bis zum Frankfurter Flughafen: Wo Pinocchio ’90 auftritt, bleiben beim Publikum unvergessliche Erinnerungen zurück.

KONTAKT
www.pinocchio90.de
Instagram: @pinocchio90_official
Facebook: @pinocchio90ev

Text und Fotos: Dieter Fluck