SG 99 Andernach


Das Dauerwunder vom Mittelrhein
Warum die SG 99 Andernach seit Jahen gegen Bundesliga-Nachwuchs und Millionenbudgets besteht

Andernach ist die Hummel des deutschen Frauenfußballs: Nach jeder Logik müssten sie sportlich ein bis zwei Ligen tiefer spielen – und fliegen doch Saison für Saison gegen Nachwuchsleistungszentren (NLZ) der Bundesliga-Vereine und Millionenbudgets auf Augenhöhe mit den Großen, trotz Amateuralltag, Lizenzdruck oder Winter-Heimspielen in Mendig. 2019 wurde Union Berlin im Aufstiegs-Showdown geknackt und danach im Trikot das Freibad gestürmt, 2023 ließ der Bayern-Kracher vor 4.325 Fans das Stadion beben wie nie zuvor. Das 360-Magazin erzählt die Geschichte, wie Florian Stein und Isabelle Hawel mit einer eingeschworenen Mannschaft aus Freundinnen – mit Herz, Treue und Arbeit – diese einmalige Reise geschrieben haben.

15:51 Uhr – Der Moment, der alles veränderte
Der Urknall der Andernacher Fußballgeschichte lässt sich ziemlich genau auf einen Moment festlegen: 15:51 Uhr am 2. Juni 2019. Das war der Moment, als Fabienne Michel bei rund 30 Grad ein Spiel beendet, aber zeitgleich ein Fußballwunder gestartet hat. Es war die Geburtsstunde des gallischen Dorfs Andernach mit seinen kämpferischen Bäckermädchen.

Wenn man die SG99 Andernach verstehen möchte, reicht kein Blick auf die Tabelle. Man muss sich einen Verein vorstellen, der sich in einer Liga voller NLZ-Strukturen, Männer-Bundesliga-Clubs und Millionen-Etats jedes Jahr aufs Neue beweisen muss – sportlich, organisatorisch, infrastrukturell. Genau deshalb hat Andernach eine eigene DNA entwickelt: Gemeinschaft, Widerstand – und diese rheinische Mischung aus Pragmatismus und Trotz. Florian Stein (37), langjähriger Cheftrainer (2020-2024) und heute ehrenamtlicher Geschäftsführer, bringt es auf den Punkt: „Wir haben uns nach einem anfänglichen Abenteuer zu einem fest etablierten Verein gemausert. Wir sind aktuell in unserer achten Zweitligasaison. Das darf man gar keinem erzählen, gegen welche Mannschaften wir antreten, wenn man sich überlegt, wo wir herkommen.“

Wurzeln an der Ahr
Dieses „Woher“ hat eine ebenso spannende wie traurige Vorgeschichte und beginnt rund 23 km nordwestlich – genauer, an der Ahr. Der SC07 Bad Neuenahr war über Jahre ein Aushängeschild des Deutschen Frauenfußballs. Ein Ort, an dem Spielerinnen Profifußball lernten und wo Namen wie Célia Šašic, Lena Goeßling oder Almuth Schult Normalität waren. Als dort die Lichter ausgingen, wurde das für Andernach – so hart es klingt – zum Katalysator. Plötzlich stand eine ganze Generation bereit, die nicht nur kicken konnte, sondern auch führen und ambitioniert in der Region Fußball spielen wollte.

Ein Blick auf den Bad Neuenahrer Kader 2013/14 zeigt bereits zehn spätere SG99-Säulen: Magdalena Schumacher, Eva Langenfeld, Caroline Asteroth, Kathrin Günther, Lisa Umbach (heute Kossmann), Maren Weingarz, Sarah Krumscheid, Jana Sebastian, Katharina Sternitzke und Luisa Deckenbrock – plus Natascha Rau, Isabell Stümper sowie Antonia Hornberg, die das Jahr zuvor ebenfalls noch in Bad Neuenahr spielten. Faktisch war es eine komplette Mannschaft mit Bundesliga- oder Zweitliga-Schule, die sich in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre am Rhein, auch dank Gründungsvater Bodo Heinemann und Trainerlegende Karl-Peter „Kappy“ Stümper, zusammenfand.

Lehrjahre zwischen Euphorie und Niederlagen
Dabei war der Weg der Abteilung selbst schon vorher bemerkenswert: 2007 aus großen Teilen des BSV Weißenthurm entstanden, 2008 erstmals hoch in die Rheinlandliga, 2014 dann ungeschlagen in die Regionalliga Südwest. Das Rheinlandpokal-Finale zwar 0:1 n.V. gegen Montabaur verloren, aber trotzdem in den DFB-Pokal gerutscht, weil Montabaur aufstieg. Dort in den Playoffs ein 3:1 nach Verlängerung gegen den Zweitligisten SV 67 Weinberg, danach das ebenso gnadenlose wie historische 1:15 gegen den 1. FFC Frankfurt. Diese Kontraste waren die Grundschule. Andere wären daran zerbrochen. Aber in Andernach wurde aus der Not eine Tugend: träumen, einstecken, besser werden.

Der Aufstieg, der zur Legende wurde
Dass daraus keine kurzlebige „Ex-Neuenahr“-Episode wurde, sondern etablierte Zweitliga-DNA, zeigen die Saisonbilanzen. 2014/15 und 2015/16 wurde Andernach jeweils „nur“ Vizemeister der Regionalliga Südwest, 2016/17 folgten dann endlich die Meisterschaft ohne Niederlage (79:13 Tore, 58 Pkt.), der erste Aufstieg und die harte Lektion: Nur 14 Punkte bei einem Torverhältnis von 29:52. Ergebnis: sofortiger Abstieg! Aber dieser Sturz war kein Ende – sondern wurde zum Anfang von etwas Großem.

2018/19 dominierten die Bäckermädchen ihre Regionalliga beispiellos (66 Pkt., 89:23 Tore) und erzwangen damit den Weg zurück nach oben. Und genau hier steht das Spiel, das bis heute, wie ein Gründungsmythos wirkt: die Relegation gegen Union Berlin. „Bei mir kommen da direkt Bilder hoch“, sagt Vereinslegende Schumacher (30) – und man versteht sofort, warum. Hinspiel in Berlin: Union führt früh, der frisch gebackene Rheinland-Pokalsieger bleibt im Spiel, und Laura Weinel köpft mit dem letzten Angriff das 1:1.

Rückspiel vor 700 Zuschauern: Endspielatmosphäre. Hornberg trifft mit einem Geniestreich zum 1:0, Langenfeld verwandelt den Elfmeter zum 2:0 – und um 15:51 Uhr kippt Erschöpfung in Euphorie. Die Szenen danach bekommen Kultstatus. Es gibt Pizza, Bierpong und plötzlich die Idee, das Freibad zu entern. Nach kurzer Diskussion an der Kasse geht es mit Trikots ins Chlorwasser. Hawel, geborene Stümper, nennt es rückblickend den spontansten, vielleicht schönsten Moment – weil er die Identität zeigt: nicht geschniegelt-professionell, sondern ehrlich „andernachisch“.

Ein Amateurteam unter Profibedingungen
Jetzt beginnt die Gegenwart – nicht per Zufall, sondern mit Konzept. Nach der Party folgte die Malle-Tour. „Ich weiß noch“, sagt Coach Hawel (39), „wie wir am Flughafen auf dem Weg zur Mannschaftstour die Schermulys klargemacht haben. Das war der erste große Transfer für uns – ein wirklicher Königstransfer. Es waren Mädels, die wir vorher nicht privat kannten oder mit denen wir mal zusammengespielt haben. Zuvor waren es immer welche, die kamen, weil man sich kannte, weil sie wussten, dass wir eine coole Truppe waren. Aber das waren so die ersten, die richtig gutes Niveau hatten und kamen, obwohl sie uns nicht oder nur als Gegnerinnen kannten.“ Damit erreichte man mit 16 Punkten Platz 11 in der Corona-Abbruch-Saison. Egal, der Klassenerhalt war erreicht – und strukturell begann die Reifephase.

In der zweigeteilten Liga, unter harten Auflagen, wurde die SG Dritter (27 Pkt., 34:27 Tore), dann folgte Platz vier (47 Pkt., 54:33 Tore), 22/23 Platz fünf (42 Pkt., 62:39 Tore), 23/24 erneut Rang fünf. Aber es waren die vier Jahre, in denen die Bäckermädchen bundesweit zum unbequemen Gegner wurden: sportlich top, infrastrukturell flop. Stein sagt dazu den Satz, der wie ein Leitmotiv klingt: „Infrastrukturell würde ich behaupten, sind wir über viele Jahre in jedem Punkt Absteiger Nummer eins. Allerdings zählt nicht die Infrastruktur, sondern der sportliche Erfolg.“

Infrastrukturprobleme und große Träume
Womit wir beim Dauerthema sind: die Rahmenbedingungen. Winter-Heimspiele werden verlegt, weil die Kunstrasen-Vorgaben strenger bewertet werden – Andernach muss nach Mendig ausweichen. Die historische Holztribüne muss dem Brandschutz weichen; aus einem Wiederaufbau-Projekt wird Abriss-Realität. Parallel läuft der große Traum von einer echten, förderfähigen Stadionlösung: neuer Kunstrasen, Flutlicht und Tartanbahn – Projekt „Schmuckkästchen“, wie Stein es nennt. Andernach arbeitet im politischen Schneckentempo, weil es kommunal ist. Und doch passieren kleine, entscheidende Schritte, oft in Eigenleistung: Flutlicht-Elemente, Rasenroboter, Materialcontainer, bessere Abläufe, erstmals große Busse auf Auswärtsfahrten. „Das sind Schritte“, sagt Stein, „bei den anderen geht es darum, ob es den dritten oder vierten beheizten Kunstrasen gibt.“

Dass Andernach diese Schritte überhaupt gehen kann, hängt auch an einem Namen: Viktor Rehl von der Rehl Energy GmbH ist Hauptsponsor, aber vor allem: Möglichmacher – bei Reisen, Ausstattung, Infrastrukturimpulsen, Planungssicherheit. Stein nennt Rehl ausdrücklich „Gönner, Freund und Partner“. Und in dieser Reihenfolge steckt die Wahrheit, warum die SG gesund wachsen konnte, ohne sich zu verbiegen: „Wir wollen nicht abhängig sein von einem Sponsor“, sagt Stein, „aber ohne solche Menschen, die mehr geben als nur Geld, geht es nicht.“

Freundschaft als Erfolgsmodell
Wo kein Geld für Stars ist, da bildet man aus. Karla Engels ist daher Club-DNA in Reinform: aus der Region, loyal, über Jahre gewachsen. Eine Spielerin, die sich über Entwicklung und Haltung definiert – und nicht über den nächsten Wechsel, auch wenn sie derzeit aus beruflichen Gründen in Riga spielt. Stein hebt solche Fälle hervor, weil sie sein Modell bestätigen: „Karla war die erste, die über die Jugend kam und ein großes Jubiläum erreichte (100 BL-Spiele). Sie steht für das, was so selten klappt: nicht nur Talente holen, sondern eigene Gesichter formen – die das Trikot nicht nur tragen, sondern repräsentieren und leben.“

Ebenfalls im 100er-Klub sind Schumacher und Kossmann. Erstere kommt auf 225 Pflichtspiele (38 Ligatore), davon 182 Ligaspiele/34 Ligatore für die SG99. Sie ist nicht nur Abwehrchefin und Kapitänin, sondern steht auch für „Durchhalten und Zurückkommen“. Die andere ist 1994 in Daun unter dem Namen Umbach geboren. 245 Spiele, 176 in SG-Blau. Dabei gelangen ihr von 57 Toren 42 für die Bäckermädchen. Ihre Erklärung für die Bindung klingt fast schlicht – ist aber Kern der Club-Kultur: „Der Kontakt seit SC07-Zeiten ist nie abgebrochen. Die Freundschaften waren intensiv. Dann habe ich mich relativ schnell für Andernach entschieden – gerade wegen der menschlichen Komponente.“

Diese „Komponente“ ist der Grund, warum man in Krisen nicht implodiert ist – auch nicht 2024/25, als aus einem Top-Vier-Anspruch Abstiegskampf wurde (24 Pkt., 23:54 Tore) und man zeitweise Letzter war. Hawel beschreibt diesen Winter als ihren schwersten Moment, weil sie mit drei kleinen Kindern wieder ins Traineramt rutschte: „Das hat Kraft gekostet.“ Aber hier zeigte sich, was Andernach auszeichnet: Verletzte Führungsspielerinnen wie Schumacher übernahmen Verantwortung. Alle rückten enger zusammen, der Klub blieb bei sich – und rettete sich.

Der Tag, an dem Bayern kam
Es gab auch die ganz große Bühne. Der DFB-Pokal 2020/21 führte ins Viertelfinale – bis die Pokal-Schere mit einem 1:7 gegen Frankfurt endgültig zuging. Der Kracher gegen die Stars des FC Bayern im September 2023 war so gigantisch, dass selbst die Spielerinnen ihn als „einmalig fürs Leben“ beschreiben: 4.325 zahlende Zuschauer, ein frisch herausgeputztes Rund, Volksfeststimmung und Hitzeschlacht. Bayern trifft nach hartem Kampf nach Standards – Weltstar Harder nach einer Ecke, später Damnjanovic per Kopf. Als Julia Schermuly in der Schlussphase fast den Anschlusstreffer hebt, jubelt nicht nur ein ganzes Stadion, sondern es wird für Sekunden greifbar, was Andernach sportlich bedeutet: ein Amateurclub, der die beste deutsche Mannschaft nicht bewundert, sondern beeindruckend beschäftigen kann.

Zum Gesamtbild gehört der Markenname: Bäckermädchen. Aus der Sage der Bäckerjungenstadt wurde dank eines Reporters der Spitzname, den der Club mit Logo und Identität übernommen hat. „Das passt zu uns“, sagt Stein, „weil wir früh aufstehen müssen – im Kopf, im Alltag.“

Mehr als nur eine Fußballgeschichte
Nochmal auf die Saison 23/24 geschaut, die den Club bundesweit „auf die Karte“ und in die Medien brachte: Die SG blieb 18 Spiele in Serie ungeschlagen, führte die Tabelle über Ostern an. Ein Horrorszenario für den DFB, weil ein Bundesliga-Aufstieg lizenztechnisch nicht zu stemmen gewesen wäre. Letztlich landete man mit 46 Punkten nach Niederlagen zum Saisonende „nur“ auf Rang fünf – wahrscheinlich auch, weil intern längst klar war, dass ein Aufstieg unmöglich war. In jener Zeit fiel zugleich der emotionalste Einschnitt: Stein kündigte seinen Wechsel zum Fußballverband Rheinland an, um „einmal im Fußball hauptberuflich zu arbeiten“.

Dass man trotz der größten Krise der folgenden Saison nicht auseinanderfiel, ist der Beleg für die Reife der Abteilung. Vielleicht ist das die Klammer für diese unglaubliche Zeit: Man ist nicht das Resultat eines schnellen, erkauften Aufstiegs, sondern die Erzählung von Freundschaft. Bad Neuenahr ist eine Mahnung, nicht über die eigenen Verhältnisse zu leben. Stein nennt es „Stolz und Dankbarkeit im gallischen Dorf“. Zahlen untermauern es, Bilder erzählen es. Und die Gegenwart beweist: Solange hier eine Schiedsrichterin anpfeift, kann David gegen Goliath mehr sein als ein Spruch.

Text: Roland Schäfges I Fotos: Roland Schäfges – www.myfoto24.eu, Verein