Ein tiefes Brüllen hallt über das Gelände. Es riecht nach Heu, nach frisch geschnittenem Obst und ein bisschen auch nach Kuchen und Pommes. Zwischen Rhein und Westerwald liegt ein Ort, der längst nicht mehr nur ein Ausflugsziel für Familien ist. Der Zoo Neuwied ist Bildungsstätte, Forschungsstandort und eine Arche für bedrohte Arten.
„Ein Leben ohne Zoo? Unvorstellbar.“
Zoodirektor Mirko Thiel kann sich ein Leben ohne den Tierpark gar nicht vorstellen. „Ich bin hier praktisch aufgewachsen“, erzählt er. Bereits mit 13 beginnt er als Aushilfe. Während andere ihre Freizeit auf dem Fußballplatz verbringen, mischt er Futter, mistet Gehege und dokumentiert Beobachtungen. Die Leidenschaft für die Tiere wächst mit jedem Tag. Die Verbindung, die sich entwickelt, lässt ihn bis heute bleiben. Auch während seines Lehramtstudiums und seiner Tätigkeit als Realschullehrer engagiert er sich weiterhin im Zoo.
Seit Dezember 2011 leitet er nun den größten Zoo in Rheinland-Pfalz. Auf über 13 Hektar schafft er ein Zuhause für mehr als 2.000 Tiere aus knapp 200 Arten – darunter die größte Känguruherde außerhalb Australiens. Für Thiel ist der Zoo kein Arbeitsplatz, sondern ein Lebensprojekt. „In einem Zoo geht es längst nicht mehr nur darum, Tiere zu beobachten, sondern darum, bedrohten Arten eine Zukunft zu geben. Wir sind keine Tierausstellung. Wir sind aktive Artenschützer.“
Ersatzlebensraum mit Konzept
Weltweit schrumpfen natürliche Lebensräume. Wälder werden abgeholzt, Savannen zersiedelt und Ökosysteme zerstört. Die zoologischen Einrichtungen schaffen Ersatzlebensräume, die den realen Lebensbedingungen möglichst nahekommen und in denen die Tiere ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben können. Der Fokus liegt somit auf naturnahen Gehegen, die Rückzugsorte, Beschäftigungsmöglichkeiten und soziale Strukturen ermöglichen. Der Zoo wird damit zu einer Art Sicherheitsnetz für Tierarten, die in der Wildnis nicht mehr überleben können.
So wird in Neuwied kontinuierlich modernisiert, umgebaut und erweitert. Dazu zählen die Südamerikahalle, das Menschenaffenhaus, das Exotarium sowie seit 2024 die begehbare Australienvoliere. Aktuell entsteht eines der größten Projekte der letzten Jahrzehnte: eine neue Seehundanlage. „Wir wollten nicht nur sanieren, sondern neu denken“, sagt Thiel. Die neue Anlage bietet eine größere, teilbare Wasserfläche, eine Quarantänestation und moderne Arbeitsräume. Die Besucher erhalten über eine große Panoramascheibe Einblicke unter Wasser sowie Zugang zu einem interaktiven Umweltbildungsbereich.
Finanziert wird das Millionenprojekt zu 90 Prozent von der Else Schütz Stiftung. Den restlichen Betrag muss der Zoo selbst aufbringen. Grundsätzlich trägt sich der Zoo überwiegend selbst – durch Eintrittsgelder, Spenden und Fördervereinsbeiträge. Nur etwa fünf Prozent des Budgets stammen aus öffentlichen Zuschüssen. „Jeder Ausbau-Euro hilft“, betont Thiel.
Eine Katze für den Löwen
Der Zoo Neuwied beteiligt sich als Forschungsstation an wissenschaftlichen Projekten rund um Tiergesundheit, Verhalten und Zuchtmanagement. Die hier gewonnenen Erkenntnisse fließen in internationale Netzwerke ein und helfen, Schutzstrategien kontinuierlich zu verbessern. Darüber hinaus nimmt der Zoo an mehr als 40 Erhaltungszuchtprogrammen des europäischen Zooverbands „European Association of Zoos and Aquaria“ (EAZA) teil. Im Rahmen dessen zog Anfang dieses Jahres Berberlöwe „Julius“ in den Zoo. Gemeinsam mit Berberlöwin „Zari“ sollte er für Nachwuchs der vom Aussterben bedrohten Tierart sorgen. Doch es kam anders. „Zari“ musste im Februar plötzlich krankheitsbedingt eingeschläfert werden. Ein schwerer Schlag.
Nun wird im internationalen Netzwerk nach einer neuen Partnerin für „Julius“ gesucht, die genetisch zu ihm passt. Genetisches Management ist ein elementarer Bestandteil des Zuchtprogramms. Nur so kann gewährleistet werden, dass die Reservepopulationen gesund bleiben und sich langfristig stabilisieren. Somit ist jede erfolgreiche Verpaarung ein Baustein im internationalen Artenschutzprogramm – genetisch durchdacht, wissenschaftlich begleitet und mit dem klaren Ziel, das Überleben der Art zu sichern.
Bildungsauftrag mit Weitblick
Gleichzeitig ist der Zoo ein außerschulischer Lernort. Jährlich besuchen zahlreiche Schulklassen die Anlage, um mehr über Biodiversität, Klimawandel und ökologische Zusammenhänge zu erfahren.
Artenschutz beginnt mit Wissen – und mit persönlicher Beziehung. Wer einem Tier Auge in Auge gegenübersteht, versteht schnell, was auf dem Spiel steht, und entwickelt ein anderes Verständnis für seinen Lebensraum. Seit über 30 Jahren gibt es die Zooschule – seit 2021 in einem eigenen modernen Gebäude. Sie ist anerkannter „LernOrt Nachhaltigkeit“ des Landes Rheinland-Pfalz. Unter dem Motto „Zoologie zum Begreifen!“ werden Inhalte nicht nur vermittelt, sondern praxisnah mit allen Sinnen erlebbar gemacht.
Bei Natur- und Artenschutz geht es um Empathie, vorausschauendes Denken und Verantwortung. So steckt hinter jedem Gehege mehr als nur ein Tier. Dahinter stecken eine Beziehung und ein wissenschaftliches Konzept. Ein Ort, an dem nicht nur Freizeitvergnügen entsteht, sondern Zukunft. Und vielleicht schon bald auch wieder Heimat eines Berberlöwenpaares. Nicht als Attraktion, sondern als Symbol dafür, dass Engagement, Wissenschaft und Leidenschaft etwas bewegen können.
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