Offene Kanäle sind die oft übersehene dritte Säule der Medienlandschaft: weder öffentlich-rechtlich noch privatwirtschaftlich, sondern offen, nichtkommerziell und von Bürgerinnen und Bürgern gestaltet. Im nördlichen Rheinland-Pfalz übernimmt diese Rolle der Sender OK4, der Vereinsfenster aus Adenau, Neuwied und Koblenz sowie den Sonderfall Andernach bündelt. Hier produzieren Vereine, Initiativen und Einzelpersonen eigene Beiträge, die öffentlich sichtbar ausgestrahlt werden. OK4 stellt dafür Technik, Sendezeit und Unterstützung bereit – mit dem Ziel, allen Menschen Zugang zu Medien zu ermöglichen und lokale Öffentlichkeit zu schaffen.
Die Geburt der dritten Saule: Offene Kanale in Rheinland-Pfalz
Die Fernsehgeschichte in Rheinland-Pfalz beginnt 1984 mit einem noch überschaubaren Programmangebot. Mit dem Start privat-kommerzieller Sender änderte sich das schnell: Jürgen Doetz übernahm die Geschäftsführung der „Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk“ (PKS), dem späteren Sat.1-Sender in Mainz, unterstützt von Verlegern und dem Medienunternehmer Leo Kirch, der als Rechtehändler die strategische Ausrichtung mitbestimmte. Kurz darauf startete RTLplus aus Luxemburg, zuvor schon als „Radio Luxemburg“ bekannt. Mit der Einführung zahlreicher privater TV- und Hörfunkprogramme rückten kommerzielle Interessen, Reichweite und Deutungshoheit in den Vordergrund.
Parallel dazu geschah etwas oft Übersehenes, aber ebenfalls Revolutionäres: Auf Kanal 19 in Ludwigshafen nahm wenige Minuten vor dem Start des kommerziellen Fernsehens der erste Offene Kanal Deutschlands seine Arbeit auf, mit Beiträgen wie dem satirischen Jahresrückblick des Künstlertrios „Cut“. Dieses Bürgerfernsehen stellte schon damals den Gegenpol zu den kommerziellen Sendern dar und legte den Grundstein für spätere Offene Kanäle wie OK4.
In der damit einhergehenden Verantwortung liegt jedoch auch ein Dilemma, das die heute bundesweit 140 existierenden Bürgermedien faszinierend und gleichzeitig verletzlich macht: Wenn hier theoretisch jeder senden darf, warum bleibt das Thema oft still – und wer schaut das überhaupt? Zwischen einer Idee und einem sendefähigen Beitrag liegen Zeit, Schnitt, Mut und die Überwindung einer Schwelle, die im Zeitalter des schnellen Postens größer wirkt, als man zugeben möchte. Vielleicht versteht man das Konzept der Offenen Kanäle auch erst dann, wenn man sie als das liest, was sie immer waren: ein Versprechen an die Öffentlichkeit, nicht bloß ein weiteres Programm im Kabelfernsehen zu sein.
Dass diese dritte Säule nicht nur Wunschbild blieb, wurde sehr früh juristisch fixiert. Im Juli 1986 verabschiedete die rheinland-pfälzische Landesregierung ein neues Landesrundfunkgesetz, das in §18 Offene Kanäle vorsieht und regelt. Im Januar 1987 folgte die Gründung der Landeszentrale für private Rundfunkveranstalter Rheinland-Pfalz (LPR), die den Aufbau und technischen Betrieb finanziell und organisatorisch förderte, mit dem erklärten Ziel, jährlich drei neue lokale Offene Kanäle zu eröffnen.
OK4: Technik, Ehrenamt und lokale Öffentlichkeit
40 Jahre später verantwortet Jennifer de Luca nun in Koblenz OK4 und betreut zudem die vier Mitgliedervereine für die Medienanstalt Rheinland-Pfalz. De Luca ist ausgebildete Redakteurin, Reporterin und Moderatorin. Sie hat fürs Radio oder die Tagespresse gearbeitet, ist Trägerin des Deutschen Journalistenpreises 2015 (VZV-Nachwuchsförderpreis) und seit März 2021 neben ihrer Tätigkeit für die Medienanstalt RLP als Journalistin und Moderatorin selbstständig. Geboren am 4. Juni 1982 in Mainz, lebt sie heute mit ihrer Familie in Koblenz. Dort engagiert sie sich ehrenamtlich nicht nur im OK, sondern auch im Lions Club, im Koblenzer Familienbündnis und als Medienchefin der Arbeitsgemeinschaft Koblenzer Karneval. Diese Mischung aus Professionalität und Ehrenamt ist ein Segen für das System OK: Ohne Menschen, die beides kennen – Medienhandwerk und Gemeinwohl – bleibt oft nur ein Etikett.
Wer mit ihr in den Räumen des OK in Ehrenbreitstein steht, merkt sofort: Hier wird nicht über Bürgerfernsehen geredet, hier wird es gemacht. „Der OK Koblenz e.V. ist ein gemeinnütziger Verein. Wir gehören zu einem Verbund aus offenen Kanälen in ganz Rheinland-Pfalz, wovon es 16 Stück gibt“, erklärt der Medienprofi. „Wir hier im Norden haben drei bzw. vier Vereine. Der OK Koblenz gehört entsprechend zum OK4-Verbund. Gemeinsam mit Adenau, Neuwied und eigentlich auch Andernach.“
Dieses „eigentlich“ ist die Stelle, an der die Idee des Offenen Kanals ihre Härte zeigt. Andernach ist, wie de Luca offen schildert, ein Sonderfall aus demokratischer Notwendigkeit. In der Corona-Zeit habe es die Gefahr gegeben, „dass er radikal unterwandert wird“. Es folgte eine konsequente Reaktion: „Die Medienanstalt hat rechtzeitig mit dem Verein zusammen die Reißleine gezogen und gesagt, wir nehmen den Offenen Kanal Andernach von der Lizenz runter.“ Das Vermögen des Vereins wurde der Stadt Andernach übertragen und soll bei einer Neugründungzurückfließen. Die Technik wurde in Koblenz eingelagert. Offene Kanäle sind zwar offen, aber keine rechtsfreien Räume. Genau in dieser Spannung – Zugang für alle, aber mit rechtlichem Rahmen – liegt ihre gesellschaftliche Bedeutung.
„In einem OK können und sollen Bürger sich ausprobieren“, sagt de Luca. Wer eine Idee hat, kann Technik bekommen: „Wir haben Fernsehequipment, Kameras, Stative, Tonequipment, Lampen – alles, was man dafür braucht.“ Und der Weg endet nicht beim Drehen, sondern beim Senden. Für die Verbreitung gibt es mittlerweile viele Möglichkeiten. Der fertige Film läuft im Kabelfernsehen, bei Magenta TV, im OK4-Livestream und gegebenenfalls auch über den YouTube-Kanal. „Es gibt vielfältige Ausstrahlungsmöglichkeiten, und das ist auch Sinn und Zweck der Sache“, so de Luca.
Die Offenen Kanäle werden in der Regel von drei Gruppen getragen: Die Produktions- und Sendetechnik kommt meistens durch die Medienanstalt Rheinland-Pfalz, Gemeinden überließen in der Vergangenheit häufig kostenfrei passende Räume und die Trägervereine gewährleisten durch ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter den Betrieb vor Ort. Doch, dass dieser Zweck über Technik und Räume hinausgeht, macht de Luca in einer Formulierung klar, die sich als Leitlinie lesen lässt: „Medienkompetenz ist Demokratiekompetenz.“ Bürgerinnen und Bürger sollen „ihre Meinungen kundtun, indem sie Themen filmen“ – das kann eine Demonstration, Reportage oder Theatergruppe sein, die man über Wochen begleitet. Auch „ihr schöner Garten“ oder ein Konzert sind Optionen. Entscheidend ist: Die Tür steht offen, auch wenn das Ergebnis nicht perfekt ist. „Wir müssen kein Geld verdienen. Wir machen keine Werbung“, sagt de Luca. „Wir brauchen kein High-End-Programm, aber das darf auch sein. Der Bürger soll sich ausprobieren.“
Regionale Medien im Wandel
Die kommerzielle Regionalfernsehgeschichte zeigt deutlich, warum Offene Kanäle eine eigene Logik verfolgen. MYK-TV war einer der ersten privaten Regionalsender in Deutschland und startete 1988 im Kabelnetz Mayen/Polch, initiiert von Kameramann und Techniker Fred Schwanewede. Der Sender berichtete nah am Leben der Menschen: Feste, Events, Nachrichten, Polizeiberichte und Sport, moderiert von bekannten Gesichtern der Region. In seiner größten Ausbreitung deckte MYK-TV die Vordereifel und das Maifeld ab.
Nur ein Jahr später, am 4. November 1989, begann der OK Koblenz, gemeinsam mit dem Landesfilmdienst RLP im Kurt-Esser-Haus, mit zunächst wenigen Stunden Sendezeit pro Woche – eine experimentelle Gründungsphase. 1990 erhielten die OK-Vereine bundeseinheitlich den Status der Gemeinnützigkeit. In den folgenden Jahren entstanden weitere OK-Standorte: Andernach 1992, Adenau 1993/94, Neuwied 1994, während kommerzielle Sender wie Kanal 10 (1991) und TVT1 (2000, Zusammenschluss von Kanal 10, WWTV und MYK-TV) nach finanziellen Schwierigkeiten wieder scheiterten. MYK-TV stellte 2006 seinen Betrieb endgültig ein, TV Mittelrhein übernahm Teile von Technik, Personal und Sendegebiet.
Die Chronik zeigt den grundlegenden Unterschied: Kommerzielle Regionalanbieter können lokale Öffentlichkeit schaffen, sind aber strukturell volatil, Offene Kanäle bieten einen stabilen Gegenpol. „Jeder Bürger hat das Recht auf die Technik und auch darauf, dass ausgestrahlt wird, was er gefilmt hat“, betont de Luca. Die Verantwortung für Inhalte bleibt beim Produzenten, im Extremfall auch rechtlich. Der Offene Kanal ist damit nicht nur Bühne, sondern auch Lehrstück: Freiheit bedeutet nicht folgenloses Sprechen, sondern verantwortetes Publizieren.
Auch 2026 bleibt das Konzept relevant. Früher waren Kameras schwer und teuer, Schulungen notwendig, die Technik komplex. Heute liegt der Bedarf weniger im Upload als im systematischen Aufbau von Medienkompetenz. Die OKs bieten Schnittplätze, Software und Unterstützung; daraus entstehen Serien, Talk-Formate und lokale Berichte. Der Offene Kanal ist damit nicht nur Sendeplatz, sondern auch Produktionsschule – offen für alle.
Öffentlichkeit nicht als Ware, sondern als Möglichkeit
Der Norden von Rheinland-Pfalz kennt die Kraft des regionalen Bildes – und ist sich der Brüchigkeit im kommerziellen Modell bewusst. Offene Kanäle setzen an derselben Sehnsucht an, aber mit anderen Mitteln: nicht Werbung, sondern Gemeinwohl; nicht Rendite, sondern Teilhabe; nicht Gatekeeping, sondern Zugang. „Wir möchten, dass die Menschen über die Filme, ihre Meinung, Interessen und Ideen kundtun, sodass wir einfach mehr von Koblenz und der Region sehen“, fasst Jennifer de Luca das Programm einer dritten Säule zusammen: Öffentlichkeit nicht als Ware, sondern als Möglichkeit.
INFOS
www.ok4.tv