Kris Jahnke


Zwischen Klassenzimmer und Bühne
Wie Kris Jahnke mit Theaterpädagogik Räume für Entwicklung, Teilhabe und Kreativität schafft

Das Scheinwerferlicht ist noch nicht ganz ausgerichtet. Hinter der Bühne wird gelacht, geflüstert, an Kostümen gezupft. Eine Achtjährige spielt mit einer 81-Jährigen das letzte Mal eine Textszene durch. Mittendrin: Kris Jahnke. Er hört zu, motiviert und ermutigt, sodass aus einer letzten Unsicherheit Vorfreude wird. Das sind Momente, die ihn antreiben: der Augenblick, wenn Menschen über sich hinauswachsen.

Wer Kris Jahnke begegnet, merkt schnell: Er ist keiner, der lange stillsteht. Nach Feierabend auf die Couch? Für den 47-Jährigen nur selten eine Option. Kris ist aktiv, kreativ und mit Herzblut bei allem, was er tut. Sein Alltag: abwechslungsreich. Seine Arbeit: vielfältig. Kris ist Lehrer, Fachleiter, Projektleiter, Komponist und Toningenieur. Vor allem aber ist er Ideengeber und Möglichmacher. Er ist jemand, der bewegt. Der nicht nur spricht, sondern macht – und das mit einer scheinbar unerschöpflichen Energie.

Theater im Stundenplan
Hauptberuflich steht Kris im Klassenzimmer – als Lehrer für Gesellschaftslehre an der IGS Koblenz und als Fachleiter für angehende Lehrkräfte im Fach Geschichte. Doch bloß Wissen zu vermitteln, reicht ihm nicht. Pädagogik ist für ihn mehr als Methodik. Sie bedeutet für ihn Verantwortung, Beziehung und Empathie. Sie prägt sein gesamtes Handeln und durchzieht jedes seiner Projekte. Viele Jahre war er Verbindungslehrer, heute initiiert er unter anderem die Entwicklung von Schutzkonzepten für Kultureinrichtungen und setzt sich für ein sicheres und wertschätzendes Lernumfeld ein. Doch damit nicht genug.

Im Schuljahr 2013/2014 initiiert er die Theaterklasse an der IGS Koblenz – ein Angebot, das bisher einmalig in ganz Rheinland-Pfalz ist. Schüler der Jahrgangsstufen 5 und 6 können Theater als reguläres Unterrichtsfach wählen. Dabei geht es nicht nur um Schauspielerei. Lerninhalte der Fächer Musik, Kunst und Deutsch werden auf kreative Weise verbunden. Die Vorteile sind vielfältig und reichen weit über das Schulische hinaus. Selbstbewusstsein, Teamfähigkeit und Ausdrucksstärke sind erlernte Kompetenzen, die bleiben. Die Theaterarbeit ist seit vielen Jahren ein konzeptioneller Schwerpunkt der Schule und die Theaterklasse ein fester kultureller Anker im Schulalltag.

Von der Tonspur an die Tafel
Die Leidenschaft für Kunst und Bühne kommt nicht von ungefähr. Bevor Kris Lehramt studiert, arbeitet er als Diplom-Toningenieur, spielt in Bands und komponiert eigene Musik. Seine Tätigkeit als Tontechniker führt ihn schließlich in die Kulturfabrik Koblenz (KuFa) und damit ans Theater.

Dort beschäftigt er sich zunehmend mit der Schauspielerei. Nicht als Akteur, sondern als Lehrender. Er übernimmt Aufgaben als pädagogisch-künstlerischer Workshopleiter und arbeitet im Rahmen des Jugendtheaters mit zahlreichen Talenten. Eine Aufgabe, die ihm Spaß macht, wie er sagt. Doch etwas stört ihn: die Castings. „Mich haben vor allem die Kinder interessiert, die beim Casting nicht genommen wurden“, erklärt er. „Es ist sehr schade, wenn motivierte Kinder, die voller Herzblut für das Theaterspielen sind, enttäuscht nach Hause gehen müssen.“ Ihm fehlt der inklusive Ansatz. Sein Credo ist so einfach wie kraftvoll: Nur weil jemand anderes besser ist, heißt das noch lange nicht, dass man selbst schlecht ist.

Nicht die Besten, sondern alle
Kris hat eine klare Vision. Er möchte ein Angebot für genau die Kinder schaffen, die beim Casting durchgefallen sind. „Wir wollen genau diese Kinder auffangen“, sagt er. „Denn es geht nicht immer nur um Talent oder Erfahrung, sondern um den Spaß an Schauspielerei.“ So gründet Kris 2008 das pädagogisch-künstlerische Projekt „Theater(er)leben“.

In den Räumen der KuFa bietet er Kindern und Jugendlichen zwischen sieben und achtzehn Jahren Schauspiel-Workshops an. Während der Oster- und Sommerferien und in den wöchentlich stattfindenden Kursen können sie alles rund um die Theaterarbeit lernen, mitgestalten und erleben. Die verfügbaren Plätze werden nicht nach Talent vergeben, sondern nach dem Prinzip „first come, first served“: Über die Teilnahme entscheidet allein die Reihenfolge der eingehenden Anmeldungen. Kein Vorsprechen, keine Auswahljury. So wird Talent nicht selektiert, sondern entwickelt.

Von der Idee zur Institution
Was zunächst als „Testballon“ mit 80 Kindern und acht Workshops beginnt, entwickelt sich schnell weiter und ist heute eine feste, kulturelle Institution in der KuFa. In den 16 unterschiedlichen Workshops geht es längst nicht mehr nur um Schauspieltraining, sondern auch um Tanz, Dramaturgie, Maske, Kostüm, Vocalcoaching, Filmregie und Studioarbeit. Mehr als 190 junge Menschen nutzen jedes Jahr das Angebot. Unterstützt wird das Projekt von der Stadt Koblenz, dem rheinland-pfälzischen Kulturministerium sowie einem starken Netzwerk aus Schulen, Schulsozialarbeit und der Universität Koblenz.

Studierende sammeln Praxiserfahrung, Schüler absolvieren ihre Schulpraktika. Kris denkt vernetzt, verbindet Schule, Hochschule und freie Szene – und schafft Räume, in denen Entwicklung möglich wird. „Theater prägt das Leben der Kinder nachhaltig“, erklärt er. „Es stärkt das Selbstbewusstsein, fördert die Kreativität und Sprache. Es stärkt das Teamdenken und vermittelt Werte wie Rücksichtnahme und Toleranz.“ Für Kris bedeutet Theater Persönlichkeitsbildung und Persönlichkeitsentwicklung. So können die jungen Teilnehmer nicht nur ihre Talente entdecken, sondern vielleicht auch ein Stück weit sich selbst.

Bühne frei für ein innovatives Projekt
Doch Kris geht weiter und wagt ein kleines kulturelles Experiment, das es so in der gesamten Region noch nie gab. Während der diesjährigen Osterferien überrascht er mit einem neuen Workshop: Generationentheater. Bei „Das Grand Ensemble – Generationentheater im Grand Hotel Kulturfabrik“ können Kinder ab acht und Senioren ab 60 Jahren teilnehmen. Das Besondere: Sie spielen nicht nacheinander. Nicht nebeneinander. Sondern miteinander. Alle 15 Plätze sind sofort vergeben.

Die jüngste Teilnehmerin ist acht, die älteste 81 Jahre alt. Vier Tage lang treffen in dem fiktiven Hotelsalon „Großeltern auf Enkel, Erinnerungen auf Zukunftsträume und leise Lebensweisheiten auf laute Fantasie“. Unterschiedliche Lebenserfahrungen, verschiedene Energielevel und Bedürfnisse erfordern Sensibilität. Es braucht Rückzugsräume für Ältere, angepasste Textlängen für Jüngere und viel gegenseitiges Zuhören, damit am Ende ein gemeinsames Stück entsteht. „Das Generationentheater bedeutet Dialog zwischen Vergangenheit und Zukunft“, so Kris. „Es bedeutet Empathie, Geduld und echtes Miteinander.“ Das Ergebnis des Workshops ist außergewöhnlich, die Abschlussaufführung ein großer Erfolg. Die gemeinsame Woche hat jeden Einzelnen auf individuelle Weise geprägt. Sie sind stolz – auf sich und auf das, was sie gemeinsam geschaffen haben.

Genau darin liegt seine Motivation: die leuchtenden Augen junger Darsteller, der stolze Applaus der Familien, die Begeisterung eines Seniors, der zum ersten Mal mit einem Kind improvisiert. Kris ist Lehrer, ja. Aber vor allem ist er jemand, der Räume öffnet. Für Kreativität. Für Mut. Für Begegnung. Und vielleicht ist genau das – zwischen Klassenzimmer und Bühne – seine wichtigste Rolle.

TICKETS & INFOS
www.kufa-koblenz.de
theatererleben@kufa-koblenz.de
Instagram: @theatererleben

Text: Jasmin Rumpf I Fotos: privat