Lufthansapilot Helge Lahrmann


Über den Wolken
Vom Segelflugplatz zum Kapitän auf der Langstrecke

Viele Kinder haben schon in jungen Jahren eine klare Vorstellung, was sie einmal werden wollen. Mal ist der Berufswunsch Feuerwehrmann, Arzt oder Polizist, für ganz Ambitionierte auch schon mal der des Bundeskanzlers. Doch nicht bei allen wird dieser Wunsch Realität oder bleibt dauerhaft dasselbe Ziel.

Ein früher Traum hebt ab
Für Helge Lahrmann steht schon sehr früh fest, wohin ihn sein beruflicher Weg führen soll. 1979 wird er in Koblenz geboren und wächst in Braunfels auf, wo er viel Zeit auf dem Segelflugplatz verbringt. Mit 13 Jahren beginnt er die Ausbildung für den Segelflugschein. Fliegen ist seine erste Liebe und sein Berufsziel steht fest: Er möchte Pilot werden. Womit und wohin er einmal fliegen wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz klar. Vielleicht sogar ganz hoch hinaus.

Nach dem Abitur in Weilburg möchte er Luft- und Raumfahrttechnik studieren. Damals erzählt ihm ein Freund von seiner Pilotenausbildung bei der Lufthansa. Das könnte auch für den jungen Helge der richtige Weg sein, sich 10.000 bis 11.000 Meter über der Erde zu bewegen.

Mit 20 Jahren besteht er den Einstellungstest bei der Lufthansa, der fünf Tage lang in Hamburg beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt stattfindet. Getestet werden vor allem Konzentrations- und Teamfähigkeit sowie logisches Denken, wie er sich auch heute noch gut erinnert. Danach schließt sich eine dreijährige Ausbildung in Bremen und Phoenix/Arizona in den USA an. Einen Teil der Kosten für diese Ausbildung muss er selbst übernehmen und nach Erhalt des Arbeitsvertrags abzahlen.

Schritt für Schritt nach vorne links
Nach der Ausbildung kann man natürlich nicht sofort als Kapitän eines Jumbojets oder eines Airbus A 380 arbeiten. Auch in anderen Wirtschaftszweigen wird man nach der Lehre nicht direkt Vorstandsvorsitzender eines DAX-Konzerns. So wird Helge Lahrmann zunächst Copilot auf der Kurzstrecke. Das bedeutet, dass ausschließlich Ziele innerhalb Europas angeflogen werden. Meist ist man bis zu fünf Tage unterwegs und führt pro Tag bis zu fünf Flüge durch. Dadurch ist die „Ereignisdichte“ traditionell sehr hoch – ideal, um Erfahrungen zu sammeln. Es folgt die Zeit als Copilot auf der Langstrecke. Diese Tätigkeit führt ihn nun fast wöchentlich zu Zielen, von denen die meisten Menschen höchstens einmal im Jahr bei der Urlaubsplanung träumen.

Für jede neue Aufgabe und Funktion gibt es ein umfangreiches Trainingsprogramm, um den neuen Tätigkeitsbereich auch qualifiziert übernehmen zu können. Als nächster Schritt auf der Karriereleiter folgt für den jungen Copiloten die Position als Senior First Officer (SFO). Seine Aufgabe ist es, den Kapitän zu vertreten, solange dieser in der Pause ist. Bei sehr langen Flügen besteht die Cockpitbesatzung aus drei Piloten, sodass während des Reisefluges stets einer Pause machen kann. So sind alle vor der anspruchsvollen Phase des Anfluges fit und ausgeruht.

Nach 18 Jahren kommt Helge Lahrmann am Ziel seiner beruflichen Ambitionen an. Bei der Lufthansa wird er Kapitän auf der Langstrecke und sitzt ab sofort vorne links im Cockpit.

Zwischen Digitalisierung und Weltpolitik
An der eigentlichen Aufgabe, ein Flugzeug von A nach B zu fliegen, hat sich für Helge Lahrmann im Laufe der Jahre nicht viel verändert. An die Verantwortung für die Menschen und die Maschine hat er sich schnell gewöhnt. Doch vieles ist inzwischen technisch komplexer und vor allem digitaler geworden.

Hatten ein Kapitän und sein Copilot vor Jahren noch zahlreiche Papiere in der Hand, wie zum Beispiel den Flugplan oder ausgedruckte Wetterkarten für den gesamten Flug, haben sie heute alles digital auf dem Laptop. „Das hat für unsere Arbeit sehr große Vorteile“, berichtet er. So steht ihm beispielsweise jederzeit ein aktueller Wetterbericht für seine Flugstrecke zur Verfügung. „Früher“, so erinnert er sich, „waren die Wetterkarten meist nach ein paar Flugstunden schon veraltet.“ Er weiß aus eigener Erfahrung, wie schnell sich das Wetter in großer Höhe ändern kann.

Auch wenn sich die für die Fluggäste unangenehmen Turbulenzen nicht immer vermeiden lassen, werden Gewitter doch grundsätzlich umflogen. Eine kleine Verspätung oder ein umwegbedingt etwas höherer Kerosinverbrauch werden hierfür immer in Kauf genommen. Die Sicherheit der Fluggäste, so Helge Lahrmann, geht immer vor.

Dramatisch verändert hat sich die politische Lage auf der Welt. So gibt es zahlreiche Krisenherde, die auch den Luftraum betreffen. Viele Länder dürfen gar nicht oder nur sehr beschränkt, also zum Beispiel in einigen wenigen Flughöhen, überflogen werden. Diese Vorgaben können sich teils schnell ändern und schränken Optionen unterwegs stark ein, wie beispielsweise für eine Ausweichlandung. Eine gründliche Vorbereitung und Planung vor jedem Flug sind deshalb heute noch wichtiger.

Gewartet werden die Flugzeuge sehr gut, so hat das Alter eines Flugzeuges keine Auswirkungen auf die Sicherheit. Trotz der vielen Jahre im Cockpit und tausender Flüge hat Helge Lahrmann deshalb auch zum Beispiel noch nie einen Triebwerksausfall während eines Fluges erlebt. „Wenn wir einmal außerplanmäßig zwischenlanden müssen“, berichtet er aus seinem Berufsleben, „ist der häufigste Grund ein kranker Passagier, der dringend ärztliche Hilfe benötigt“.

Arbeiten gegen die innere Uhr
Für ihn als Flugkapitän ist die Zeitumstellung eine große Herausforderung. Ein Zeitunterschied von bis zu neun Stunden ist keine Seltenheit. Gerade deshalb nutzt die Cockpitbesatzung die ruhige Zeit eines langen Fluges abwechselnd für ein Powernap von 15 bis 20 Minuten. Die Lufthansa empfiehlt dies sogar: kontrollierte Ruhephasen in einer Zeit der geringen Arbeitsbelastung, damit die Piloten vor Beginn des Anfluges konzentriert und leistungsfähig sind.

Helge Lahrmann ist schon viele verschiedene Flugzeugtypen geflogen, bisher ausschließlich des Herstellers Airbus. Da die Maschinen sehr komplex sind und es insbesondere bei den beiden Herstellern Boeing und Airbus viele technische Unterschiede gibt, fliegen Piloten immer nur ein Muster. Ein Wechsel auf einen anderen Typ bedingt eine neue Schulung – und den Verlust der Erlaubnis, das vorherige Modell weiterzufliegen. So wird sichergestellt, dass man „sein“ Flugzeugmuster genauestens kennt. Der für den Passagier augenfälligste Unterschied, so erzählt es Helge Lahrmann mit einem Schmunzeln, ist, dass man eine Boeing mit einem Steuerhorn „lenkt“, bei Airbus ist es ein Joystick.

Traumjob mit Verantwortung
Als Kapitän trägt man fast täglich Verantwortung für ein Flugzeug im Wert von vielen Millionen Euro. Vor allem aber für das Leben oft mehrerer hundert Passagiere. Dieser Verantwortung, so Helge Lahrmann, sei man sich in jedem Moment eines Fluges bewusst. Hierfür werde man umfassend ausgebildet und während des gesamten Werdegangs bis zum Kapitän fortwährend gefördert.

Für ihn ist sein Beruf als Kapitän bei der Lufthansa dennoch ein wahr gewordener Traum. Ein Beruf mit sehr viel Verantwortung, aber auch mit zahllosen schönen Momenten und vielen Freiheiten. Und ganz nebenbei lernt man dabei auch noch die schönsten Plätze der Welt kennen. Kein Wunder also, dass er nicht nur seine Berufswahl nie bereut hat, sondern sich immer wieder für diesen Beruf entscheiden würde. Für einen Arbeitsplatz über den Wolken.

Text: Klaus-Peter Kreß I Fotos: Helge Lahrmann